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Kuscheln: Löst keine Krisen, macht aber glücklicher

Kuscheln und streicheln kann jeder: Das exakt richtige Streicheltempo muss niemand lernen. Allerdings kuscheln wir meist zu selten, gerade wenn wir in festen Händen sind. Das sollten wir schleunigst ändern, rät Neurowissenschaftlerin Rebecca Böhme.

Mit Haustier, Partner oder Kind: Kuscheln macht uns zufriedener
Mit Haustier, Partner oder Kind: Kuscheln macht uns zufriedener

Es gibt viele Gründe, uns öfter gegenseitig zu berühren: Die meisten empfinden Berührung als schön, entspannend und lächeln vielleicht bei dem Gedanken an eine besonders innige Umarmung. Mehr noch: Kuscheln ist gesund, denn es reduziert Stress und senkt den Blutdruck. Vor allem in der Partnerschaft sind Berührungen extrem wichtig. Wir haben Neurowissenschaftlerin Rebecca Böhme gefragt, warum das so ist, was beim Kuscheln passiert – und wie wir ein Streicheldefizit ausgleichen können.

Frau Böhme, jeder mag Berührungen. Warum eigentlich?

Rebecca Böhme: Es kommt natürlich immer auf die Situation an und darauf, wer uns da berührt. Ist es jemand, der uns nahesteht, dann wird uns normalerweise eine liebevolle Berührung entspannen, die Menge an Stresshormonen im Blut geht herunter und wir bekommen ein wohlig-warmes Gefühl. Denn beim Gestreicheltwerden schüttet unser Körper Oxytocin aus, das berühmte Binde- oder Liebeshormon.

Wann tun uns Berührungen nicht gut?

Wenn die Berührung einfach unangenehm ist. Die Gründe dafür können vielfältig sein: die Person, die uns berührt. Die Situation, in der wir uns befinden. Oder auch einfach die eigene Stimmung. Wenn man gerade viel zu erledigen hat und gestresst ist, würde eine Umarmung vielleicht sogar beruhigend wirken, wenn wir uns darauf einlassen. Doch oft stört sie uns in der Situation nur.

Die Haut ist ja unser größtes Sinnesorgan: Was passiert beim Kuscheln mit ihr?

Die Berührung fängt in der Haut an, die Nerven leiten die Information weiter über das Rückenmark ins Gehirn. Da wird der primäre Bereich für die Verarbeitung von Berührung aktiviert: der somato-sensorische Kortex. Bei sanften Berührungen wird außerdem die Insula aktiv. Bei einer Studien fand man heraus: Werden wir gestreichelt, lässt sich an verschiedenen Stellen im Hirn eine Veränderung der Opioidmenge feststellen – und zwar überall dort, wo das Hirn in die Verarbeitung von sozialen, emotionalen oder belohnenden Reizen involviert ist. Es scheint, als ob die Ausschüttung von Opioiden dazu führt, dass wir uns entspannen und negativen Ereignissen in unserem Umfeld weniger Gewicht geben.

Können wir lernen, richtig zu streicheln?

Optimal ist es für die C-taktilen Fasern, wenn unsere Fingerspitzen-Temperatur bei 32 Grad Celsius liegt. Und das richtige Streicheltempo liegt zwischen drei und zehn Zentimetern pro Sekunde. Doch keine Sorge, wir müssen das nicht ausmessen, das machen wir intuitiv richtig.

Mit uns selber kuscheln, das geht nicht: Warum spüren wir eigentlich nichts, wenn wir uns selber streicheln?

Sich selbst zu berühren ist sehr anders. Dabei werden die Berührungsbereiche im Gehirn sogar deaktiviert! Für die Insula und den somato-sensorischen Kortex hat es nämlich keine Bedeutung, aus einem einfachen Grund: Weil wir uns ohnehin ständig selbst berühren – an der Nase kratzen, durch die Haare fahren usw. Deshalb sind solche Berührungen unwichtig für unser Gehirn, auch, weil es die Berührungen immer genau vorhersagen kann. Das Gehirn denkt sich dann: Da brauch ich nicht reagieren, wir wissen ja, wie sich das Nasekratzen anfühlt.

Es gibt Berührungen, die sich besser anfühlen als andere: die des Partners. Wie erklärt sich das?

Wie wir eine Berührung empfinden und wie unser Gehirn diese verarbeitet, hängt damit zusammen, wer uns berührt. Die positiven Effekte, die wir durch Berührungen erleben, treten eben nicht einfach aufgrund der Reizung/Stimulation der Haut auf, sondern ergeben sich aus einem Gesamtzusammenhang. Das Gehirn scheint sogar in der Lage zu sein, die Empfindlichkeit auf Berührungen zu verändern, also etwa zu verstärken, wenn wir uns in einer intimen Situation mit unserem Partner befinden.

Manche Menschen brauchen sehr viele Zärtlichkeiten, andere können Berührungen nicht viel abgewinnen. Woran liegt das?

Da gibt es wirklich große, individuelle Unterschiede. Wovon es abhängt, ob man ein richtiger Kuschel-Liebhaber ist oder nicht so gern berührt wird: Das hat die Forschung noch nicht hinreichend verstanden. Allerdings wird es – wie in so vielen Fällen – eine Mischung sein von genetischen Einflüssen und Erfahrungen in unserem bisherigen Leben. Auch kulturelle Aspekte spielen hier mit hinein: In manchen Kulturen ist es üblicher, sich wesentlich häufiger zu berühren als bei uns. Da ist man dann einfach eher daran gewöhnt.

Was tun, wenn ich mit einem Nicht-Kuschler in Beziehung bin: Kann ich ihn zu mehr kuscheln bewegen?

Zu versuchen, den Partner zu ändern, ist immer schwierig. Aber Sie können das Thema einmal ansprechen und Wünsche äußern – vielleicht hat der andere noch gar nicht darüber nachgedacht. Denn Berührungen geschehen ja meist eher nebenbei. Viele sind sich gar nicht darüber bewusst, ob und wie viel sie andere Menschen berühren. Und seltsamerweise sprechen wir ja eigentlich sehr wenig über Berührung, auch wenn es ein so wichtiger Bestandteil unseres Lebens ist.

Was ist mit Beziehungen ganz ohne Berührungen: Geht das?

Es gibt sicher auch solche Beziehungen, gerade jetzt im Internetzeitalter. Aber diese sind wohl eher die Ausnahme. Und den allermeisten von uns tun Berührungen ja wirklich gut und in der Liebesbeziehung spielen sie eine wichtige Rolle, um immer wieder das Empfinden von Nähe und Gemeinsamkeit hervorzurufen, auch ohne Worte.

Würden Sie sagen: In einer Beziehung mit mehr Berührungen – wie kuscheln – sind wir glücklicher?

Berührungen können sicherlich keine Beziehungskrise lösen. Doch in einer gutlaufenden Beziehung können Umarmungen, Küsse und Streicheleinheiten die Zufriedenheit noch weiter vergrößern.

Was raten Sie Singles oder Menschen mit einem Partner, der nicht gerne kuschelt: Können Haustier, Kind oder beste Freundin den eigenen Kuschelbedarf auf Dauer decken?

Natürlich können wir auch Nähe und Zärtlichkeit in anderen Beziehungen erfahren. Und das muss ja gar nicht nur für den Fall reserviert bleiben, wenn der Partner nicht gern kuschelt. Körperliche Nähe verstärkt ebenso die Eltern-Kind-Bindung, aber auch Freundschaften. Und mit unseren Haustieren kommunizieren wir ja sowieso meist über Berührung. Es ist natürlich wichtig, auch die Grenzen der anderen zu akzeptieren, doch meistens haben wir ein gutes Gefühl dafür, ob unser Gegenüber eine Berührung genießt oder nicht.

Rebecca Böhme - Human Touch

Human Touch – Warum körperliche Nähe so wichtig ist
(Rebecca Böhme)
Verlag: C. H. Beck


21 Februar 2020 | Text: Annalina Jegg | Fotos: Stocksy

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