„Das Laufen zeigt uns, wie die Welt sein könnte“

Interview mit Marathon-Ikone Kathrine Switzer. Sie ist davon überzeugt, dass etwas so simples wie Laufen die Menschheit verbindet. Ihr Credo: Auf der Strecke sind alle gleich.

Katrine Switzer 1967 Bostonmarathon
Katrine Switzer 1967 Bostonmarathon

Sie haben den Rennleiter angeschrien, dass er mich in Ruhe lassen soll. Sie versuchten auch, ihn wegzustoßen. Im Allgemeinen mochten männliche Läufer bei anderen Rennen es immer sehr, wenn auch Frauen mitliefen. Sie bewunderten uns und unterstützen uns, es gab niemals negative Kommentare. Ich glaube, dieser Support ist mit ein Grund dafür, dass Frauen im Laufsport so weit fortgeschritten sind.

Sie haben seither den Anstoß zu mehr als 400 Frauenläufen in 27 Ländern gegeben. Warum ist es Ihnen ein Anliegen, dass Frauen weltweit laufen?

Laufen verhilft Frauen zu Fitness, Selbstbewusstsein und Ermächtigung, die sie sonst vielleicht niemals gehabt hätten. Außerdem lässt sich der Sport gut in einen sehr fordernden Alltag mit Job, Kindern und Haushalt integrieren.

Heute setzen Sie sich auch stark für Frauen ein, die wegen ihrer Religion, Hautfarbe oder Rasse benachteiligt werden. Welches Ziel hat Ihre weltweite Laufcommunity von und für Frauen „261 fearless“?

261 war die Startnummer, die ich beim Boston-Marathon im Jahr 1967 trug. Mit unserer weltweiten Non-Profit-Organisation wollen wir Frauen mithilfe des Laufens ermutigen, ermächtigen und vereinen. Das geschieht durch lokale Clubs, Bildung, Austausch-Plattformen oder Veranstaltungen. Über geografische und soziale Grenzen hinweg soll es Frauen möglich sein, miteinander ins Gespräch zu kommen, zu einem gesunden Lebensstil ermutigt zu werden und ein positives Selbstwertgefühl zu kriegen. Die Idee dazu hatte ich übrigens beim österreichischen Frauenlauf.

Mit ihrem Engagement haben Sie es geschafft, dass der Frauen-Marathon im Jahr 1984 offiziell in die Olympischen Spiele aufgenommen wurde. Warum war das ein weiterer wichtiger Schritt?

Ich wusste: Wenn die Welt sehen würde, dass die schwierigsten Laufbewerbe des prestigeträchtigsten Sportevents auch weibliche Teilnehmerinnen haben, dann würde das die Einstellung der ganzen Welt gegenüber den Fähigkeiten von Frauen ändern.

Es hat also die Welt ein Stück weit verändert, dass es bei den Olympischen Spielen einen Frauen-Marathon gibt?

Absolut! Dadurch wurden die Türen für viele weitere Frauenevents geöffnet. Und es half, auch bei anderen Sportbewerben die Anzahl der Teilnehmerinnen zu erhöhen. Am wichtigsten ist vielleicht: Menschen auf der ganzen Welt wurden dadurch inspiriert, gesund zu leben und zu laufen.

Brauchen Frauen im Sport nach wie vor Unterstützung?

Es muss noch jede Menge getan werden! In vielen Ländern der Welt dürfen Frauen nicht einmal ohne Begleitung aus dem Haus gehen, allein Auto fahren, sich bilden oder Sport ausüben. Wir arbeiten daran, solche Frauen zu erreichen, unter anderem durch Laufclubs. Hinzu kommt, dass viele Frauen arm sind. Um zu laufen, brauchen sie aber kein Geld.

Mit Ihrem Lauf vor mehr als 50 Jahren haben Sie einen Beitrag zur Gleichstellung von Frau und Mann geleistet. Wie betrachten Sie das Thema heute – fernab des Sports?

Ich habe die Geschlechtergleichheit immer unterstützt – heute mehr als jemals zuvor. Gerade jetzt, wo es politisch und in puncto Menschlichkeit gerade schwierig ist in der Welt. Aber zu laufen zeigt uns ein Licht in der Dunkelheit: Als Läufer machen wir uns nichts aus Geschlecht, Aussehen, Einkommen, Rasse, Alter, Religion oder sozialem Status.

Wie zeigt sich das im sportlichen Alltag?

Wir laufen gemeinsam, Männer und Frauen. Wir unterstützten und motivieren uns gegenseitig. Am Ende eines langen Rennens, umarmen wir uns alle gegenseitig – verschwitzt und stinkend! Das hat nichts mit Sex oder Gewalt zu tun, sondern nur mit gegenseitiger Unterstützung und Bewunderung. Wenn wir ein Beispiel für Inklusion, Diversität und Gleichheit brauchen, dann zeigt uns das Laufen, wie die Welt sein könnte.


3 April 2019 | Text: Maria Kapeller | Fotos: Elise Amendola, Laura Beachy, Stocksy

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