Wie in den Wechseljahren: Wenn Hormone verrücktspielen

Veröffentlicht am 24. März 2019

Depressionen, Burnout, Schlafstörungen. Heute leiden bereits junge Frauen an typischen Wechselbeschwerden. Der Gynäkologe Armando Farmini erklärt, was das Hormonsystem  belastet.

Porträt einer jungen rothaarigen Frau vor einem blauem Hintergrund
Porträt einer jungen rothaarigen Frau vor einem blauem Hintergrund

Der Hormonwechsel ist die natürliche Abnahme der Hormonproduktion, die mit etwa 30 Jahren beginnt. Zum Teil setzt das auch schon früher ein, da die Belastungen des Hormonsystems steigen. Ich habe mehrere Patientinnen unter 20 Jahren. Und es kommen immer mehr Männer in meine Praxis.

Sie behandeln auch Männer?

Ja, die kämpfen mittlerweile mit annähernd denselben Beschwerden wie Frauen, nur sie sprechen selten darüber.

Welche Symptome deuten denn auf ein hormonelles Ungleichgewicht hin?

Viele Dinge, die sich im Gehirn abspielen, wie Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Anspannung oder innere Unruhe. Aber genauso Herz-Rhythmus-Störungen, Allergien, Asthma oder Atembeschwerden. Als Folge eines Hormonmangels kann es zu unreiner, entzündeter oder stark behaarter Haut kommen genauso wie zu Haarausfall. Viele Menschen leiden an Libidomangel oder Erektionsstörungen, Schlafstörungen, Antriebslosigkeit, Depressionen oder Schilddrüsenunterfunktion. Eine weit verbreitete Krankheit ist auch Burnout. Das zu behandeln oder dem vorzubeugen wäre nicht schwierig, wenn man die richtigen Hormone in der richtigen Dosis und im richtigen Verhältnis einsetzen würde. Mir tut es leid, dass viele Menschen langfristig mit verschiedenen Medikamenten behandelt werden. Obwohl es sich oft um ein hormonelles Problem handelt, das relativ einfach zu lösen wäre.

Bei Depressionen oder Burnout ist der erste Weg von Betroffenen aber nicht unbedingt der zum Gynäkologen. Und auch für einen Mann ist der Gang zum Frauenarzt eher untypisch.

Da haben Sie recht. Aber mein Schwerpunkt liegt in der ganzheitlichen Medizin und betrifft somit auch Männer. Seit sieben Jahren beschäftige ich mich intensiv mit bioidenter Hormontherapie, nachdem ich selbst von Burnout betroffen war. Ich fasse für jede Erkrankung Studien zusammen, die belegen, welche Hormondefizite bei der Erkrankung vorliegen und welche Hormone in der Therapie einsetzbar sind. Aber natürlich gibt es auch Kritiker, die sagen: Der glaubt, mit Hormonen kann man alles heilen.

Kann man mit Hormonen alles heilen?

Die Macht der Hormone wird unterschätzt. Sie beeinflussen jedes Organ. Nehmen wir als Beispiel die Leber. Sie kann anatomisch perfekt sein und trotzdem nicht optimal funktionieren. Da muss man sich dann anschauen, was die Hormone in unserem Körper machen. Allerdings ist für Gesundheit und Wohlbefinden das Gleichgewicht des gesamten Hormonsystems wichtiger, als die einzelnen absoluten Werte. Das lässt sich anhand von gesunden Menschen gut überprüfen.

Wir haben viel über die Symptome gesprochen. Aber was sind denn eigentlich die Ursachen? Was führt zu gestiegenen Belastungen des Hormonsystems?

Es gibt vier Faktoren, die negativ auf die Hormonwerte wirken. Ein großes Thema sind hormonelle Verhütungsmittel. Es zeigt sich, dass auch Jahre nach dem Absetzen der Antibaby-Pille die Hormonwerte sehr niedrig bleiben. Zudem enthalten einige Pillen Bestandteile, die Entzündungsreaktionen im Körper erzeugen. Was noch hinzukommt: Die Pille landet im Wasser und wir trinken somit alle die Pille, wenn wir Leitungswasser trinken. Das zweite Problem sind Handy-Strahlungen. Es gibt Studien, die zeigen, dass die Handystrahlen die Hormonproduktion in den Eierstöcken, in den Hoden und auch in der Schilddrüse reduziert. Bei jungen Männern, die ihr Handy in der Hosentasche tragen, merkt man das ganz deutlich. Die Werte der Nebenniere sind in der Regel optimal, die der Hodenhormone hingegen meist katastrophal. Das dritte sind endokrine Disruptoren. Das sind Substanzen, die zum Beispiel in Shampoos oder Putzmitteln enthalten sind. Sie können eine verminderte Hormonproduktion verursachen. Der größte Hormonkiller ist aber Stress.

Sie setzen auf die „bioidente Hormontherapie“. Wie lassen sich hormonelle damit Probleme behandeln?

Zuerst wird der Hormonstatus, der hormonelle Ist-Zustand, ermittelt. Ich mache bei allen Patienten eine Messung sowohl im Blut als auch im Speichel. Denn Blutwerte alleine sind für eine gute Therapie unzureichend. Der Speicheltest ist in bestimmten Punkten aussagekräftiger. Hormone, die fehlen beziehungsweise von denen der Körper zu wenig produziert, lassen sich ersetzen. Es gibt viele bioidente Hormone, die von der chemischen Struktur gleich sind, wie die körpereigenen. Wobei es bei der Dosierung ganz wichtig ist, wie vorhin schon erwähnt, auf das Gleichgewicht der Hormone zu achten.

Erfolgt die Hormontherapie in Form von Pillen?

Die meisten Hormone werden über Cremen verabreicht. Mikronisierte Hormone sind kleiner als die Poren und werden dadurch von der Haut gut aufgenommen. Sie gelangen direkt ins Blut und wenig später in die Organe. Werden Hormone geschluckt, kommen sie zuerst in die Leber und ein großer Teil geht verloren. Aber natürlich gibt es auch Organe wie die Schilddrüse, die sich nicht mit Cremen behandeln lassen. Hier muss mit Kapseln therapiert werden.

Armando Farmini im Interview

Armando Farmini arbeitet als Gynäkologe in Salzburg. Neben Brustkrebs-Vorsorgeuntersuchungen und Schwangerschaftsbegleitung gehört die „bioidente Hormontherapie“ zu seinen Kerngebieten. Entwickelt und bekannt gemacht wurde sie vom US-Mediziner Jonathan Wright.


24 März 2019 | Text: Julia Fischer-Colbrie | Fotos: Stocksy, Farmini

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