Wohnen im Tiny House: Wie es sich auf 27 m2 lebt

Simone Kamleitner liebt und lebt den Minimalismus. Vor drei Jahren hat sie ihr Hab & Gut aussortiert, überflüssigen Ballast entsorgt und wohnt seitdem in ihrem Mikrohaus. Ein Erfahrungsbericht.

Porträt einer schönen asiatischen Frau die auf ihrem Bett sitzt
Porträt einer schönen asiatischen Frau die auf ihrem Bett sitzt

Es war einfach so, dass ich vor einigen Jahren von diesem ständigen höher, weiter und mehr einfach genug hatte. Ich war überfordert und mir wurde alles zu viel. Daraufhin habe ich überlegt, was ich verändern könnte und war kurz davor, in einen Wohnwagen zu ziehen.

Was hat Sie davon abgehalten?

Als Grafikerin und Raumdesignerin mag ich Schönes und Stylisches schon gerne, das schien mir im Wohnwagen nicht umsetzbar. Bei meiner Suche stieß ich irgendwann auf ein kleines mobiles Haus, das zu verkaufen war. Lustigerweise stand es nur 200 Meter Luftlinie von meiner damaligen Wohnung entfernt. Ich habe mich sofort verliebt, innerhalb einer Woche den Kaufvertrag unterschrieben und meine Mietwohnung gekündigt. Und das, obwohl ich kaum Eigenkapital hatte.

Das heißt, durch das Tiny House konnten Sie Ihren Wunsch vom Eigenheim verwirklichen?

Ganz genau. Ich war damals schon über 40 Jahre alt und wollte nicht mehr länger in Miete wohnen. Mit meinem heutigen Wissen hätte ich schon viel früher auf diese alternative Wohnform umsteigen sollen. Speziell für junge Menschen ist das wirklich interessant, weil es leistbares Eigentum ist.

Mussten Sie Ihr Leben sehr umkrempeln?

Ich mag Minimalismus und Reduktion. Gleichzeitig ist es für mich total wichtig, schön zu leben. Und auch wenn viele es nicht glauben, das widerspricht sich nicht. Ich kann beides in meinem Tiny House leben, würde es selbst auf 12 Quadratmetern schaffen.

Finden Sie, das Überfluss belastet?

Mich schon. Mittlerweile verschenke ich Sachen, die ich nicht mehr brauche. Aber natürlich war das früher anders. Es hat sich schleichend dahingehend entwickelt. Eine Zeit lang habe ich sehr viel Geld für Kleidung ausgegeben, mit der ich dann einen drei Meter breiten Kasten gefüllt und trotzdem das Gefühl hatte, nichts Zusammenpassendes zum Anziehen zu haben.

Wie handhaben Sie das jetzt? So viel Stauraum für Kleidung gibt’s in deinem Tiny House vermutlich nicht?

Als ich in mein kleines Haus gezogen bin, habe ich ein Kleiderkasten-Konzept für mich entwickelt. Denn gut angezogen zu sein, das ist mir nach wie vor wichtig. Aber es gibt mittlerweile nur mehr vier Farben und ein paar Basics in meinem Kasten. Dadurch kann ich alles kombinieren und auch Schuhe und Tasche passen immer dazu. Selten aber doch passiert es mir, dass ich etwas kaufe, dass nicht in mein Konzept passt. Das sortiere ich dann aber rigoros wieder aus.

Was passt alles auf 27 Quadratmeter?

Da passt viel rein, eigentlich alles was man braucht. Von der Aufteilung entspricht mein Haus einer 4-Zimmer-Wohnung, nur eben komprimiert. Ich habe eine Zeit lang auch von zu Hause gearbeitet. Mittlerweile ist der Schreibtisch aber einer Couch gewichen. Es gibt darüber hinaus eine Küchenzeile, eine Eckbank für vier bis sechs Personen, Bad und WC und ein Schlafzimmer sowie einige Kästen als Stauraum.

Haben Sie sich jemals beengt gefühlt?

Nein, noch nie. Und auch alle meine Besucher fühlen sich total wohl, weil ich es sehr nett eingerichtet habe. Teilweise denke ich, ich könnte einen Raum problemlos noch untervermieten (lacht).

Hat sich Ihr Leben mit dem Einzug in dein Mikrohaus verändert?

Die Dinge verlagern sich. Nachdem man weniger Platz hat, geht man auch weniger häufig Einkaufen. Und mit dem kleinen Haus fällt auch viel weniger Arbeit an. Das heißt, es bleibt mehr Zeit für sich und um sich mit sich selbst zu beschäftigen.

Simone Kamleitner im Interview

Simone Kamleitner ist Grafikerin und Raumdesignerin. Sie gilt als Mikrohaus-Pionierin – mehr dazu in diesem Video-Porträt. 2016 bezog sie ihr 27 Quadratmeter großes Haus im Salzburger Seengebiet. Weil sie von dem alternativen und reduzierten Wohnkonzept überzeugt ist, konzipiert und verkauft sie Mikrohäuser mittlerweile selbst.


19 April 2019 | Text: Julia Fischer-Colbrie | Fotos: Stocksy, Thomas Kirchmayer