Häusliche Gewalt: Der Feind im eigenen Bett

Veröffentlicht am 25. November 2018

Wenn häusliche Gewalt zum Albtraum wird, führt mancher Weg ins Frauenhaus.

Frau im Trenchcoat mit einer gelben Stoffbahn vor den Augen.
Frau im Trenchcoat mit einer gelben Stoffbahn vor den Augen.

Jede vierte Frau in Österreich ist Studien zufolge häuslicher Gewalt ausgesetzt. Der Täter ist dabei oftmals der eigene Lebensgefährte oder Ehepartner. Anlässlich des Internationalen Tages zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen am 25. November haben wir bei Andrea Brem, der Geschäftsführerin des Vereins Wiener Frauenhäuser, nachgefragt, wie es um die häusliche Gewalt steht und wie Betroffenen geholfen wird.

active beauty: Gewalt gegen Frauen kann viele Facetten haben, welche Formen von häuslicher Gewalt lassen sich unterscheiden?

Andrea Brem: Die vordergründig gefährlichste Gewalt ist natürlich die körperliche Gewalt, weil sie tödlich enden kann. Nicht alle Frauen müssen allerdings um ihr Leben fürchten, es gibt auch leichtere Formen der körperlichen Gewalt. Wichtig ist, jede dieser Formen ernst zu nehmen und sich Unterstützung zu holen. Auch eine Ohrfeige stellt bereits eine massive Grenzverletzung dar und zeigt, dass etwas in der Beziehung völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Aus Erfahrung kann ich sagen: In den seltensten Fällen hört das wieder von allein auf. Die Gewalt wird vielmehr immer heftiger. Die zweite Form der häuslichen Gewalt ist die psychische Gewalt, die häufig mit der körperlichen Gewalt einhergeht. Und damit meine ich nicht Streit, der ist normal und kommt in jeder Beziehung vor. Bei psychischer Gewalt geht es vielmehr um die gezielte Vernichtung der Person durch massive Abwertung, permanente, kränkende Beschimpfungen, die Kontrolle jedes Schrittes, die Isolation von Freunden, Arbeitskollegen und schließlich auch von der Familie. Und als dritte Gewalt sehen wir eine Form, über die noch immer sehr wenig gesprochen wird: die sexualisierte Gewalt in der Beziehung oder Ehe, bei der Frauen zum Geschlechtsverkehr oder zu Praktiken gezwungen werden, die sie nicht wollen – und das meist regelmäßig.

Wie verhält man sich als Betroffene am besten, ohne sich weiterer Gefahr auszusetzen? Und wo finden Betroffene Hilfe?

Das Allerwichtigste ist, dass man sich Hilfe von außen holt, mit einer unbeteiligten Person darüber spricht und so aus der privaten Situation heraustritt. In unserer Beratungsstelle kann man sich anonym beraten lassen und sich eine professionelle Einschätzung von Frauen geben lassen, die damit tagtäglich arbeiten. Auch telefonisch kann man sich bei Beratungshotlines anonym Rat holen. Wollen Frauen schließlich nicht mehr daheim wohnen, weil sie sich vor weiterer Gewalt fürchten, bieten wir ihnen und ihren Kindern in den Frauenhäusern einen sicheren Wohnplatz.

Wie viele Frauenhäuser führt Ihr Verein?

Wir haben in Wien 4 Frauenhäuser mit 175 Plätzen. Ich möchte betonen, dass bei uns extrem gefährdete Frauen leben, aber es ist nicht notwendig, dass man grün und blau ist, um in einem Frauenhaus aufgenommen zu werden. Wir bieten allen Frauen Hilfe, die die Gewalt daheim nicht mehr aushalten, egal ob es sich dabei um Psychoterror oder körperliche Gewalt handelt.

Wie kann man sich den Aufenthalt im Frauenhaus vorstellen?

Ja, das ist ganz normal. Insgesamt kehrt etwa ein Viertel der Frauen zum Partner zurück. Von dieser Zahl darf man sich aber nicht entmutigen lassen. Das Wichtige ist, dass man den Frauen weiterhin die Hand reicht. Manche Frauen schaffen es halt beim ersten, manche beim zweiten und manche erst beim fünften Mal. Wo Kinder gefährdet sind, geben wir bei einer Rückkehr der Frauen zum Partner allerdings Meldungen ans Jugendamt, damit es nach dem Rechten schaut und prüft, ob die Kinder in Sicherheit sind. Meiner Meinung nach hat sich auch im Fall einer Rückkehr viel getan. Jeder Mensch, der sich einmal getrennt hat, weiß, dass das keine einfache Geschichte ist. Einige haben genug Hoffnungen und versuchen es noch einmal. Was sich durch den Aufenthalt im Frauenhaus geändert hat, ist, dass dem Mann nun bewusst ist, dass auch andere von seiner Gewalt wissen. Das verändert bereits ein wenig das Machtverhältnis zwischen den beiden. Darüber hinaus weiß die Frau nach unseren Beratungen, wie es rechtlich ausschaut. Und drittens lassen wir jede Frau wissen, dass sie gerne wiederkommen kann, wenn es wieder schwierig wird.

Wie lange bleibt eine Frau im Durchschnitt im Frauenhaus?

Es gibt viele Frauen, die das Frauenhaus nur bis zu 14 Tage nützen. Die meisten bleiben 3 bis 6 Monate und etwa 10 Prozent der Frauen braucht die Unterstützung noch länger.

Zeichnen sich unter den von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen bestimmte Gesellschaftsschichten oder demografische Merkmale ab?

Betroffen sind Frauen aus allen Gesellschaftsschichten. Im letzten Jahr verfügten 10 Prozent der Frauen in unseren Frauenhäusern über akademische Abschlüsse und 15 Prozent hatten Matura. Es handelt sich also, anders als häufig angenommen, nicht um ein Unterschichtenproblem. Eine relativ große Gruppe im Frauenhaus stellen Migrantinnen dar, weil sie oft niemanden haben, an den sie sich wenden können. Generell kann man zudem beobachten, dass Frauen, die einen hohen Lebensstandard haben, gut vernetzt und kinderlos sind, eher Hilfe von außen suchen können. Mit drei Kindern ist es aber deutlich schwerer bei Bekannten unterzukommen und der Weg führt eher ins Frauenhaus.

Geht die Gewalt gegen Frauen Hand in Hand mit Gewalt gegen die eigenen Kinder?

Oft ja. Doch selbst wenn nicht, muss man bedenken, dass die Kinder die Gewalt an der Mutter miterleben. Hört ein Kind seine Mutter im Nebenzimmer um Hilfe schreien, hat es unfassbare Angst. Somit sind alle Kinder im Frauenhaus als direkte Gewaltopfer oder als Zeugen von der Gewalt an der Mutter selbst Betroffene. Schlussendlich sind die Kinder meist der Grund, weshalb die Frauen ihren Partner verlassen.

Warum fällt es den meisten Frauen so schwer, Gewalttaten zur Anzeige zu bringen?

Es ist etwas wahnsinnig Intimes, seinen Partner, den man vielleicht geheiratet hat, den man irgendwann sehr geliebt hat und der der Papa der Kinder ist, bei der Polizei anzuzeigen. Die Gefühle der Betroffenen sind ambivalent und es hängen viele Hoffnungen auf eine harmonische Familie daran. In dem Moment, in dem man Anzeige erstattet, gibt man das alles ein Stück weit auf. Hinzu kommt, dass Frauen noch immer ökonomisch abhängig sind. Das heißt sie haben Angst, dass sie ohne das Geld vom Partner nicht zurechtkommen. Die Ambivalenz steigert sich noch, wenn die Männer nach den Gewalthandlungen versprechen, sich zu ändern.

Spüren Sie seit der #MeToo-Debatte gesellschaftlich eine Veränderung im Umgang mit Gewalt gegen Frauen?

Es ist sichtbar geworden, dass weltweit zigtausende Frauen von Gewalt betroffen sind. Das macht klar, dass wir noch lange nicht an dem Punkt sind, an dem die Gleichheit von Männern und Frauen hergestellt ist. Häufig wird mir die Frage gestellt, wo die misshandelten Männer hingehen. Mir sind sie ehrlich gesagt noch nicht begegnet. Es gibt sie sicher vereinzelt, in den überwiegenden Fällen sind es aber Männer, die Gewalt gegen Frauen ausüben. Männer haben eher andere Probleme und gehören durch die Männerberatung unterstützt. Hier können sie sich auch hinwenden, wenn sie selbst merken, dass sie gewalttätig sind und ihnen bewusst wird, dass das nicht richtig ist. Es kommt jedoch leider sehr selten vor, dass sich gewalttätige Männer selbst Hilfe suchen.

Wie gehen Sie persönlich damit um, täglich mit einem so schwierigen Thema konfrontiert zu sein?

Während der Zeit im Frauenhaus gelingen unglaublich tolle Entwicklungen. Es ist schön zu sehen, wie Frauen nach einem halben Jahr im Frauenhaus in ihre eigene Wohnung ziehen, später wieder eine neue Beziehung eingehen und einfach ein glückliches Leben führen. Ich erfreu mich daran, dass wir vielen Frauen geholfen haben, den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen. Diese Erfolge sind auch der Grund, weshalb wir in diesem Jahr 40 Jahre Wiener Frauenhäuser feiern.

Wie fällt ihre Bilanz nach 40 Jahren Wiener Frauenhäuser aus?

Sinkende Fallzahlen gibt es leider nicht, aber die Sensibilität für Gewalt ist größer geworden. Heute trauen sich mehr Frauen, sich Hilfe zu holen. Vor allem auf rechtlicher Ebene hat sich dafür im Laufe der letzten 40 Jahre viel bewegt. Durch eine Reihe von Gesetzesänderungen, die unter anderem auch aus der Frauenhaus-Bewegung entstanden sind, wurden insgesamt bessere Rahmenbedingungen geschaffen. Das Gewaltschutzgesetz ermöglicht es Frauen und Kindern beispielsweise, in der Wohnung zu verbleiben, während der Gewalttäter von der Polizei aus der gemeinsamen Wohnung verwiesen wird. Ebenso gibt es mittlerweile ein Gesetz gegen Stalking und gegen fortgesetzte Gewaltausübung.

Am 23. November veranstalteten die Wiener Frauenhäuser einen Benefizabend. Kommen die Spendengelder einem bestimmten Projekt zugute?

Wir wollten dieses Mal für die Rechtsanwaltskosten Betroffener sammeln. Heute wird vielmehr prozessiert als noch vor einigen Jahren und die Verfahren dauern länger. Durch die gemeinsame Obsorge sind die Frauen zudem sehr unter Druck gekommen und müssen auch im Falle von häuslicher Gewalt um ihre Kinder kämpfen. Die Männer haben meistens mehr Geld und treten häufig eloquenter auf als die Frauen. Wir sind also in der Situation, dass Frauen immer mehr Anwaltskosten in Kauf nehmen müssen. Gibt es keine Verfahrenshilfe und die Frauen haben kein Geld, stehen sie ohne Rechtsbeistand in Scheidungs- und Obsorgeverfahren. Ein zweites Problem besteht, wenn Kinder ins Ausland entführt werden. Dann wird im Ausland ein Anwalt benötigt, was mit enormen Kosten verbunden ist. Ohne entsprechende finanzielle Ressourcen geht es daher häufig einfach nicht. Unsere Spendengelder werden daher 1:1 der Rechtshilfe betroffener Frauen zugutekommen.

Hilfe für Betroffene häuslicher Gewalt

Rund um die Uhr, kostenlos und anonym:

Frauenhelpline: 0800 222 555

Notruf der Wiener Frauenhäuser: 05 77 22

 

Mehr Infos: www.frauenhelpline.at | www.frauenhaeuser-wien.at


25 November 2018 | TEXT: DENISE SIEBKE | FOTO: STOCKSY

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