Wo Flüchtlingskinder wieder Kinder sein können

Veröffentlicht am 9. Februar 2019

Allein in einem fremden Land: Die Clowndoctors besuchen regelmäßig unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Denn Humor macht Krieg, Krisen & andere Katastrophen für kurze Zeit vergessen. Clownin Rita im Interview.

Rote Nasen Clowndoktors munter Kinder auf
Rote Nasen Clowndoktors munter Kinder auf

1350* geflüchtete und unbegleitete Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren wurden 2017 in Österreich gezählt. Knapp 450** suchten im vergangenen Jahr um Asyl an. Sie sind nicht nur ohne Eltern in Österreich. Sie sind auch meist ohne Perspektiven hier.

Rein äußerlich sind die Kinder und Jugendlichen gesund. Ihre seelischen Wunden sind aber zum Teil groß. Sie haben Krieg oder andere Katastrophen erlebt, waren monatelang auf der Flucht, mussten ihr altes Leben aufgegeben und ihre Familien verlassen.

Interview mit „Clownin Rita“:

Wenn die Rote Nasen Clowndoctors zu Besuch kommen, dann können sie – zumindest für kurze Zeit – sein, was sie sind: Kinder! Wir haben mit Marlies Franz aka Clownin Rita über die Arbeit mit Flüchtlingskindern in Kärnten gesprochen.

activebeauty: Wie erleben Sie die Arbeit mit jungen Flüchtlingen?

Gerade im Moment, wo viele Asylanträge abgelehnt werden, ist die Situation sehr angespannt. Viele geben sich nach außen hin sehr stark und reif. Aber die Kinder und Jugendlichen haben Schlimmes erlebt.
Sie mussten oder müssen sehr früh erwachsen werden. Jene mit jüngeren Geschwistern übernehmen häufig die Elternrolle und tragen dadurch enorme Verantwortung. Umso schöner ist es, wenn sie durch uns dem Kind in ihnen wieder eine Türe aufmachen können.

Wie gelingt es Ihnen, Kinder mit einem so großen Rucksack eine unbeschwerte Zeit zu verschaffen?

Ganz einfach dadurch, dass wir in unserer Rolle als Clown nichts von ihnen wollen. Das ist der große Unterschied zu anderen helfenden Einrichtungen. Die andere haben – und das ist auch richtig so – einen klaren Auftrag. Wir aber fordern nichts von den Kindern. Und es ist auch nicht unser oberstes Ziel, die Kinder zum Lachen zu bringen. Es geht uns um Abwechslung, Aufmunterung und Perspektivenwechsel.

Sie wollen die Kinder nicht zum Lachen bringen? Aber ist das nicht der ureigenste Auftrag der Rote Nasen Clowns?

Wir müssen flexibel sein. Natürlich haben wir ein Repertoire, auf das wir zurückgreifen können. Nachdem wir üblicherweise zu zweit auftreten, ist es auch wichtig, dass wir eingespielt sind und die Situation ähnlich beurteilen.

Dieses Auftreten als Duo ist ein wichtiger Aspekt unserer Arbeit, da wir indirekt Gefühle aufgreifen können. Wir bespielen die Kinder nicht konfrontativ, sondern haben ein Spiel untereinander. Da gibt es dann auch die Möglichkeit, uns nur zu beobachten. Wenn wir merken, das Kind öffnet sich, nehmen wir es ins Spiel mit rein.

Viele verschiedene Nationalitäten, viele verschiedene Sprachen – wie gelang es Ihnen denn überhaupt, einen Draht zu den jungen Flüchtlingen herzustellen?

Das war ein ganz interessantes Erlebnis für uns. In den östlichen Kulturen ist die Figur des Clowns nicht verankert. Die Kinder und Jugendlichen kannten sie somit nicht. Trotzdem haben sie sofort gewusst, worum es geht und der Kontakt war schnell hergestellt.

Wir mussten auch nicht Arabisch, Dari oder Farsi lernen. Denn das meiste läuft über Emotionen und die zeigen sich über den Körper. Musik ist außerdem ein wichtiges Element in unserer Arbeit und fungiert ganz wunderbar als Eisbrecher. Mittlerweile begleiten wir einige der Jugendlichen schon über Jahre und sind so etwas wie Freunde für sie geworden, die regelmäßig vorbeikommen und schauen, wie es geht.

Sie haben selbst vier Kinder. Wie schwer fällt es Ihnen, sich von den Schicksalen abzugrenzen?

Ich gehe dort nicht als Marlies hin, sondern als Clown Rita. Es ist wichtig, diese Personage zu haben, denn sie führt einen durch die Begegnungen. Die Ohnmacht, die man als Besucher zum Teil verspüren würde, die hat man als Clown nicht. Denn als Clown habe ich immer die Möglichkeit zu agieren. Aber natürlich, zu 100 Prozent lässt sich nicht professionelle Distanz wahren. Es gibt schon Dinge, die mir nahe gehen.

Marlies Franz

Die Kärntnerin Marlies Franz arbeitet seit 2011 für die Rote Nasen Clowndoctors. Als Clownin Rita „ordiniert“ sie auf Kinderkrankenstationen in Villach, Klagenfurt und Lienz. Außerdem ist sie mit ihren KollegInnen in Senioreneinrichtungen, der Psychiatrie für Erwachsene und seit 2015 in der Flüchtlingsarbeit tätig.


9 Februar 2019 | Text: Julia Fischer-Colbrie | Fotos: Rote Nasen Clowndoctors; ©Kärntenblitz | Quelle: *Eurostart, **BMI

Schon Gelesen?