Sternenkinder: Die Trauer, wenn kleine Herzen still stehen

Der Verlust eines Kindes lässt sich kaum in Worte fassen, auch der eines ungeborenen. Statt Babygeschrei und Freudentränen sind es tiefe Trauer und innere Leere, mit der Betroffene meist nach einer Tot- oder Fehlgeburt zurückbleiben.

Engelsfiguren aus Keramik
Engelsfiguren aus Keramik

Sophies kleines Herz hat einfach aufgehört zu schlagen. Nach 25 Wochen im Mutterleib. Sie war 33 cm groß und wog 780 g. Ihr Gesicht war bereits vollständig entwickelt. Ihr Köpfchen schon fein behaart. Sophie wurde still geboren.

Sternenkinder sind auch Kinder

Tot- oder Fehlgeburten wurden lange Zeit tabuisiert oder kleingeredet. Und betroffenen Eltern damit die Möglichkeit genommen, zu trauern. Initiativen wie der Verein Pusteblume holen das Thema aus der Tabuzone. Denn auch wenn die Herzen von Sternenkindern nie oder nur kurz außerhalb des Mutterleibs geschlagen haben, haben sie doch bereits zur Familie gehört. Wurden erwartet. Hatten ihren Platz in der Geschwisterfolge und in den Herzen der Eltern.

Im Interview spricht Simone Strobl, Obfrau des Vereins Pusteblume, darüber, wie man in kurzer Zeit Erinnerungen schafft, warum man auch Sternenkindern einen Namen geben und der Trauer Raum lassen sollte.

Was können Eltern tun, deren noch ungeborenes Kind im Mutterleib verstorben ist?

Das Wichtigste ist, sich bewusst auf die Geburt vorzubereiten und sie so zu gestalten, wie man sie sich gewünscht hätte. Ganz unabhängig von der Schwangerschaftswoche. Wir empfehlen auch, sofern es für die Eltern vorstellbar ist, Sternenkinder auf natürlichem Wege zur Welt zu bringen. Denn die Geburt ist das einzige, das man mit seinem Kind erleben kann. Und die Geburt hilft, das Erlebte zu realisieren.

Wie lässt sich die meist sehr kurze Zeit des Abschiednehmens gestalten?

Das hängt natürlich stark von der Schwangerschaftswoche und der Entwicklung des Kindes ab. Wenn möglich, sollten sich die Eltern auf jeden Fall die Zeit nehmen, das Kind im Arm zu halten, die kleinen Finger anzuschauen, die Lippen, die Ohren, jeden einzelnen Zentimeter. In einigen Krankenhäusern gibt es Kleidung für Sternenkinder. Wenn nicht, kann diese kostenfrei über unseren Verein angefordert werden. Sind Geschwisterkinder da, können sie eingeladen werden, das Baby zu begrüßen und zu verabschieden. Auf diese Weise wird es ins Familiensystem aufgenommen – für später ist das etwas sehr Wertvolles.

An Fotos denkt man in dieser schwierigen Situation wahrscheinlich kaum?

Das ist sicherlich eine Art Selbstschutz, damit die Trauer nicht übermächtig wird. Und auch ein Schutz vor der Umwelt, weil Reaktionen wie „es war ja noch kein Kind“ oder „das passiert ja häufig“ schon sehr verletzend sein können. Ein Name ist aus meiner Erfahrung etwas ganz Wichtiges. Wenn man ein Kind bekommt, dann gibt man ihm einen Namen. Warum sollte es bei einem Sternenkind anders sein? Auch wenn man über das traumatische Erlebnis später sprechen will, ist es leichter, wenn man das Kind beim Namen nennen kann – sowohl für die Eltern als auch das Umfeld.

Wie geht man mit der Trauer um?

Trauer ist etwa ganz Individuelles. Es gibt keinen 5-Stufen-Plan. Jeder Trauerweg schaut anders aus. In der Trauerbegleitung und unserer Selbsthilfegruppe stellen wir Werkzeuge vor. Ob und wie Trauernde diese benutzen, müssen sie abschätzen. Was in unseren Gruppen vermittelt wird: Ihr seid nicht allein. Wir sind viele. Wir verstehen deinen Schmerz. Denn wer es nicht erlebt hat, kann nicht nachempfinden, wie groß der Verlust ist. Die Länge der Schwangerschaft ist erfahrungsgemäß kein Kriterium dafür, wie intensiv sich die Trauer einstellt. Für die Paarbeziehung ist es wichtig, mit der Trauer des Partners respektvoll umzugehen und individuelle Trauer zulassen – ohne sich dabei zu verlassen.

Beim Verlust eines ungeborenen Kindes denkt man überwiegend an die Mütter. Was ist mit den Vätern?

Der Fokus liegt auf der Mutter, das stimmt. Auf die Väter wird häufig vergessen, das beginnt schon im Krankenhaus und zieht sich den Trauerweg hindurch. Betroffene Väter berichten, dass sie selten gefragt werden, wie es ihnen gehe. Freunde, Bekannte und auch Familie erkundigen sich meist nach der Frau. Es wäre schon schön, wenn auch den Vätern Raum gegeben würde. Wobei es natürlich auch schwieriger ist, Männer zum Reden zu bringen. Auch zu unseren Selbsthilfegruppen kommen hauptsächlich betroffene Frauen.

Verein Pusteblume

Simone Strobl ist Mutter eines Erdenkindes und zweier Sternenkinder. Nach ihren schmerzlichen Erfahrungen hätte sich die Oberösterreicherin mehr Unterstützung und Hilfe erhofft. Sie hat daraufhin die Selbsthilfegruppe „Ein Hauch von Leben“ sowie den Verein Pusteblume, der professionelle Beratung und Begleitung bei Fehlgeburt und perinatalem Kindstod fördern soll, ins Leben gerufen.


21 Januar 2019 | Autor: Julia Fischer-Colbrie | Fotos: Stocksy; Privat

Auch interessant
Wenn Ihr Kind Gemüse verweigert, stecken Sie nicht den Kopf in den Sand, sondern probieren Sie es mit unseren Tipps.
Wertvolle Tipps für Eltern Nudeln mit Luft und Liebe. Mehr will ein Kind nicht. Gemüse wird strikt verweigert. Dass dabei die Vitamine und Nährstoffe auf der Strecke bleiben, bereitet vielen Eltern Sorgen. Was tun?
Young Woman On The Street
Verantwortung Kinder sind begeisterungsfähig, wissbegierig und kreativ. Eigentlich! Denn das Schulsystem kränkelt. Experten kritisieren die „Durchschnittsmacherei“. Warum es eine neue Lern- und Wissenskultur braucht und welche Initiativen es gibt!