Baby led weaning: Mit dem Essen spielt man sehr wohl

Ein Ernährungstrend propagiert breifreie Beikost: Babys spielen mit Karotte und Brokkoli. Sie bestimmen selbst, was und wie viel sie essen. Was dahinter steckt, erklärt Beikost-Coach Susanna Huber im Interview.

Baby das an einer Avocado lutscht
Baby das an einer Avocado lutscht

Zu allererst muss man sagen, dass es vor allem ein modischer Begriff ist, der gut klingt. Das Konzept dahinter ist nicht wirklich neu. Früher hatte man auch keinen Pürierstab, um Brei zu machen. Babys bekamen von Beginn an festere beziehungsweise stofflichere Dinge zu essen. Beim Baby led weaning bietet man verschiedene weich gekochte und in Stücke geschnittene Lebensmittel auf einem Teller an. Man lässt das Baby selbst bestimmen, zu was es greift und dann zum Mund führt, wie viel es davon haben will und in welchem Tempo es isst. Es ist einfach ein spielerischer Start des Essens.

Welche Nahrungsmittel eignen sich gut dafür?

Man bietet zu Beginn vor allem Karotten, Kürbis, Pastinaken, Äpfel, Birnen, Avocados oder Ähnliches. Die Sachen werden in Stäbchenform geschnitten und mit ein bisschen Öl im Rohr gebacken oder gedämpft. Die Stücke sollten nicht zu klein sein, sodass das Baby die Sachen gut greifen und daran lutschen bzw. knabbern kann. Es muss nicht nur Obst oder Gemüse in reiner Form sein. Auch Gemüse-Muffins, Omelette, Puffer oder Nudeln eignen sich gut. Und mit Fleisch kann auch relativ früh gestartet werden.

Wie alt sollte das Baby sein?

In der Regel beginnt man etwas später als mit der Breikost. Meistens ab dem 6. Lebensmonat, wenn das Baby schon reifer ist und die Hand-Mund-Koordination funktioniert. Ein guter Zeitpunkt ist, wenn es aktiv Interesse am Essen der Eltern zeigt und beginnt, danach zu greifen.

Was ist der Vorteil gegenüber Brei?

Man gibt dem Baby die Möglichkeit, sich in seinem eigenen Tempo von der reinen Milchnahrung zur Kombination aus Milch und Beikost umzustellen. Bei Breikost schiebt man häufig einen Löffel nach dem anderen in das Baby rein und übersieht gerne, dass es eigentlich schon satt ist. Außerdem füttert man es meist vor oder nach dem Familienessen. Beim Baby led weaning geht es auch um den sozialen Aspekt, es soll der Nachahmungstrieb gefördert werden. Denn idealerweise sitzt das Baby mit am Familientisch und isst so ähnliche Dinge wie der Rest der Familie.

Ist Baby led weaning zusätzlich zu oder anstatt Brei gedacht?

Die Verfechter des Baby led weaning propagieren die komplett breifreie Nahrung. Meiner Meinung nach sollte jede Familie es so handhaben, wie sie es für richtig empfindet. Das Ziel soll nicht breifrei, sondern selbstbestimmt sein. Das Baby soll ins genussvolle Essen reinwachsen. Das bedeutet nicht, dass man es nicht auch mal Füttern darf. Eine Kombination aus beidem ist wahrscheinlich eine gute Lösung.

Vermutlich auch die praktikabelste?

Wie gesagt, es muss für die Familie passen, das ist das wichtigste. Vor allem wenn man außer Haus ist, kann Brei die bessere Alternative sein. Es werden auch nicht alle Großeltern gut mit dem Baby led weaning-Konzept zurechtkommen. Manche haben Angst, das Baby könnte sich verschlucken.

Wie hoch ist denn die Gefahr, dass sich das Baby verschluckt?

Bei den Babys ist der Würgereflex weiter vorne als bei Erwachsenen. Das heißt, sie würgen schon Sachen heraus, die noch gar nicht weit runtergerutscht sind. Was zu groß ist, das ploppt automatisch wieder heraus. Die Babys selbst schreckt es da weniger als die Mütter.
Die sind meist aber positiv überrascht, wie lange Babys an den Sachen herum lutschen und wie geschickt sie diese mit der Zunge am Daumen zerdrücken.

Aber grundsätzlich gilt: Eltern sollen immer nur Nahrungsmittel hergeben, bei denen sie selbst ein gutes Gefühlt haben. Sobald Mama oder Papa Angst haben, spürt es das Baby und wird unweigerlich selbst unsicher. So soll es nicht sein. Baby led weaning darf kein Stress sein.

Aber wird das Baby auch satt?

Die Menge, die das Baby zu sich nimmt, ist natürlich schwer abzuschätzen. Denn vor allem zu Beginn landet vieles auf dem Boden. Ängste, dass das Baby zu wenig bekommt, sind allerdings unbegründet. Denn bis zum ersten Lebensjahr ist die Hauptenergiequelle die Milch. Und auch die Versorgung mit den Nährstoffen erfolgt über einen hohen Anteil durch die Milch.

Sie haben es gerade erwähnt, es landet vieles auf dem Boden. Das ist für viele Mütter und vor allem Großmütter schwer anzuschauen.

Darüber muss man sich im Klaren sein, es ist vor allem zu Beginn eine Sauerei. Aber das ist bei Breikindern am Anfang auch nicht anders (lacht).

Susanna Huber als Interviewpartnerin

Die Allgemeinmedizinerin Dr. Susanna Huber arbeitet für den Verein Birthday, der individuelle und ganzheitliche Beratung rund um die Geburt anbietet. Huber ist Still- und Laktationsberaterin IBCLC, unterstützt Eltern bei der Einführung der Beikost und hält Yogastunden für Schwangere und Mamas mit Babys.


9 März 2019 | Text: Julia Fischer-Colbrie | Fotos: Stocksy; privat

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