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Interview mit der Holocaust-Überlebenden Katja Sturm-Schnabl
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Interview mit der Holocaust-Überlebenden Katja Sturm-Schnabl

Als Kärntner Slowenen verfolgt und in Zwangsarbeitslager deportiert: Vom Schicksal ihrer Familie in der NS-Zeit erzählt Katja Sturm-Schnabl vor Schulklassen – und gibt so Impulse für ein Zusammenleben ohne Hass und Diskriminierung.

Wer die Zukunft positiv gestalten will, muss die Vergangenheit kennen: Dafür setzt sich ERINNERN:AT mit einem Programm zum Lernen über den Nationalsozialismus und den Holocaust ein. Im Auftrag des österreichischen Bildungsministeriums bietet es Lehrer-Fortbildungen und Unterrichtsmaterialien an. Ein Schwerpunkt sind Zeitzeugen-Gespräche in Schulen oder an Universitäten. Außerdem werden wichtige Gedenktage publik gemacht. Der Jahresschwerpunkt heuer: „50 Jahre Volksgruppengesetz – Nationale Minderheiten in Österreich“. Besonders soll an die Geschichte der Kärntner Sloweninnen und Slowenen erinnert werden, die 1942 in Zwangsarbeitslager nach Deutschland deportiert wurden. Mindestens 564 Menschen dieser Minderheit kamen durch die NS-Verfolgung ums Leben: Sie starben in Lagern, wurden hingerichtet oder im Widerstandskampf erschossen. Die 90-jährige Katja Sturm-Schnabl, deren Schwester damals ermordet wurde, ist die Schirmherrin des Schwerpunktjahres. Schon seit Jahrzehnten geht sie unermüdlich als Zeitzeugin in Schulen, um zu erzählen, was ihr während der NS-Zeit widerfahren ist; wie ihre glückliche Kindheit in Kärnten abrupt endete, als ihre Familie deportiert wurde. Ihr Ziel: Nichts soll vergessen werden, damit solches Unrecht nie wieder passiert.

Sie berichten seit vielen Jahren in Schulen, erzählen über Ihre Kindheit und die Deportation. Wie läuft so ein Besuch ab?

Lehrer fragen eine Zeitzeugin oder einen Zeitzeugen an, das machen meist die Engagierten, die sich ohnehin ausführlich mit dem Nationalsozialismus befassen. Manche kennen mich schon und laden mich immer wieder ein. Dann schildere ich in den Klassen die Umstände und die Ideologie. Vor allem das, was ich erlebt habe.

Erzählen Sie uns auch ein wenig?

Meine Familie ist eine slowenische Familie in Kärnten. Meine Eltern hatten ein schönes großes Gut in Zinsdorf/Svinča vas, auf dem wir lebten und arbeiteten. Ich war glücklich, sagte immer: „Ich habe eine Kuh, ein Pferd und einen Hund.“

Als Sie sechs Jahre alt waren, änderte sich alles. Woran erinnern Sie sich?

Der 14. April 1942 war ein Donnerstag, also ein Markttag, und meine Eltern waren nach Klagenfurt gefahren. Zu Hause waren meine zwei Tanten, zwei Mägde und wir drei kleinen Kinder, meine größere Schwester war schon in der Schule. Das war ein ganz normaler Vormittag, wir haben gespielt. Plötzlich wurde an die Tür geschlagen, heisere Stimmen brüllten etwas auf Deutsch, das konnte ich damals noch nicht verstehen. Dann wurde die Tür aufgestoßen und bewaffnete Männer stürmten herein.

Für Sie kam dieser Überfall aus dem Nichts?

Ich wusste nur, dass ganz plötzlich etwas Schreckliches passiert. Mein einziger Gedanke war: Ohne meine Eltern gehe ich nirgendwohin! Also bin ich in dem ganzen Chaos weggelaufen und habe mich im Wald in einem Haufen Laub versteckt. Als ich den Traktor meiner Eltern hörte, bin ich zurück. Zu Hause war eine apokalyptische Atmosphäre. Meine Mutter steckte Kleidungsstücke in Jutesäcke, Koffer hatten wir nicht, wir verreisten ja nie. Währenddessen haben die SS-Leute sie angetrieben, schneller zu machen. Alle weinten, aber meine Mutter sagte: „Ihr sollt nicht weinen, ihr müsst eure Würde bewahren“, diesen Satz trage ich bis heute in mir.

Wie ging es weiter?

Wir wurden dann von den SS-Leuten zu rot angestrichenen Autobussen an der Bundesstraße eskortiert. Als wir so beim dritten Haus unseres Dorfes vorbeigingen, blickte ich zu meinem Vater auf und sah, dass er ganz verfallen, grün und grau im Gesicht war. Und ich habe zum ersten Mal im Leben diesen Verlust gefühlt, denn ich erkannte mit großem Schrecken, dass er mich nicht mehr beschützen würde können.

Wie erklärten Sie sich als Kind diesen Überfall?

Ich hatte dafür keine Erklärung. Heute kenne ich den Hintergrund, die Nazis wollten ja alle Deutschen „heim ins Reich“ führen. So auch Deutsche aus Italien, das war mit Mussolini ausgemacht. Diesen Familien wollte man etwas bieten, etwa unseren Hof. Mein Vater wurde einfach zum „Volksfeind“ erklärt, wir als Kärntner Slowenen wurden deportiert.

Sie kamen zuerst mit anderen slowenischen Familien in ein Sammellager und wurden dann weiter in Zwangsarbeitslager in Deutschland, zuerst nach Rehnitz (im heutigen Polen) und dann nach Eichstätt, gebracht …

Der Transport war schrecklich: Wir wurden wie die Sardinen in Viehwaggons gepfercht, unsere Mutter drückte uns Kinder an sich, damit wir nicht zertreten wurden. Ich dachte, ich will nie wieder Zug fahren: Nein, nein, das mache ich nicht mehr. Bei einem Stopp in Frankfurt an der Oder bin ich unter den Wagen durchgekrochen und wieder weggelaufen. Schließlich stand ich auf einer Brücke und sah die Gleise, die in der Ferne in einem Punkt verschwinden, wie im Nichts. Ich habe begriffen: Es gibt keinen Ort, an den ich gehen kann, und ich lief zurück.

Wie erlebten Sie die Nationalsozialisten?

Ich habe eine große Wut auf diese Deutschen entwickelt, die immer herumschrien. Diese Nazileute hatten für mich keine Manieren. Wir waren ja ganz anders erzogen. Mein Vater war Kulturfunktionär und im Vorstand der slowenischen Sparkasse, deshalb hatten wir immer wieder Besucher bei uns zu Hause und wir Kinder waren dazu angehalten worden, uns ordentlich zu benehmen.

Was war das Schlimmste im Lager?

Dass meine ältere Schwester gestorben ist. Meine Mutter war mit ihr zum Lagerarzt gegangen, weil sie hohes Fieber hatte. Dann war meine Schwester weg, tot, ich habe das nicht verstanden. Später erfuhr ich, dass der Lagerarzt sie ermordet hatte. Und meine Mutter war für mich so verändert, dass ich sie zunächst einmal nicht erkannt habe. Ich hatte große Empathie für ihren Schmerz, aber ich konnte dem nichts entgegensetzen. Dieses Gefühl der Hilflosigkeit ist bis heute geblieben.

Wie konnten Sie später den Deutschen verzeihen?

Das Trauma bleibt und es gibt kein allgemeines Verzeihen. Ich entscheide das ad personam. Also von Fall zu Fall.

Was geschah, als Sie und Ihre Familie nach dem Krieg nach Kärnten zurückkehrten? Haben Sie damals Unterstützung bekommen?

Unterstützung? Nein. Ganz im Gegenteil. Man wollte uns nicht zurückhaben, die Behörden haben den Engländern – die bei uns Besatzungsmacht waren – erzählt, dass wir nicht hierhergehören. Dabei waren wir die Opfer der Nazis. Unsere Leute mussten sich wehren und die Engländer aufklären. Das war furchtbar demütigend. Wir kamen aus dem Lager, ausgezehrt, traumatisiert und wurden gleich wieder infrage gestellt.

Die Diskriminierung hörte also nach dem Krieg nicht auf?

Alle Slowenen in Kärnten waren weiter davon betroffen. Die zurückgekehrten Familien wurden besonders schlecht behandelt, misstrauisch beäugt. Und die Höfe, die uns ja weggenommen worden waren, mussten die neuen Besitzer wieder herausgeben, das erzeugte weitere Spannungen.

Wie haben Sie das als Kind empfunden?

Meine Identität wurde nicht anerkannt. Überall, auch später in der Schule. Im Gymnasium hatte der Klassenvorstand mal ein Formular in der Hand, dass ich ausgefüllt hatte. Er las vor: „Muttersprache Slowenisch?“ Und fragte mich dann: „Warum?“ Ich war total aus dem Häuschen, ich bin Slowenin. Und soll plötzlich erklären, warum? Das hat mich so sehr geprägt, dass ich später Slawistik studiert habe, um meine Identität wissenschaftlich zu untermauern.

Sie haben in Wien studiert?

Das war wie eine Befreiung für mich. Denn dort existierte das Feindbild Kärntner Slowenen nicht. Ich habe mir sogar bewusst ein Zimmer in einem russisch besetzten Bezirk gesucht, weil die Russen für mich Befreier waren. In Wien war ich geschützt, aber wenn ich nach Hause kam, spürte ich es wieder. Nachdem die Engländer weg waren, wurden in Kärnten die alten Spannungen noch stärker.

Sie setzen sich seit Jahrzehnten unermüdlich fürs Erinnern ein, immer wieder gehen Sie durch Ihre traumatisierenden Kindheitserlebnisse. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Ganz einfach: Wenn man diese Dinge vergessen würde, dann kämen sie umso schneller zurück. Die Diskriminierungen haben ja erneut begonnen.

Wenn Sie in die Zukunft blicken, was würden Sie sich wünschen?

Man kann sich nichts wünschen. Aber wünschenswert wäre, dass Kinder und Jugendliche möglichst viel über die Geschichte des Nationalsozialismus erfahren. Nur mit Wissen kann man selber beurteilen, wie wichtig Transparenz und Vielfältigkeit sind. Uns Zeitzeugen wird es ja nicht mehr lange geben.

Wer wird dann erinnern?

Es werden jetzt Materialien gesammelt. Zum Beispiel werden die Zeitzeugengespräche aufgezeichnet. Ich bin froh, dass diese Arbeit vom OeAD (Österreichs Agentur für Bildung und Internationalisierung) institutionalisiert ist und es mit ERINNERN:AT ein festes Programm gibt. Man wird versuchen, die Erinnerungen für die Zukunft wachzuhalten.

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