Nachhilfe als Ehrenamt
Hausübungen, Tests, neue Wörter: Für viele Kinder ist Lernen eine Herausforderung – besonders, wenn zu Hause niemand helfen kann und die finanziellen Mittel für eine außerschulische Förderung fehlen. Genau hier setzt die freiwillige Nachhilfe an. Monika Köck engagiert sich als Lernhelferin und gewährt im Interview Einblick in ihre Freiwilligentätigkeit.
Juni ist Semesterende und das bedeutet für viele Schülerinnen und Schüler: lernen, lernen, lernen. Rund ein Drittel hat Nachhilfe-Bedarf, aber nicht alle haben jemanden zu Hause, der helfen kann. Und nicht alle Familien können sich diese leisten. Laut des Nachhilfe-Barometers der Arbeiterkammer geben österreichische Eltern etwa 150 Millionen Euro pro Jahr für Nachhilfestunden aus.
Ehrenamtliche Nachhilfe-Lehrerinnen und -Lehrer bieten für diese Kinder die wertvolle Möglichkeit, trotzdem Unterstützung beim Lernen zu bekommen.
Welche Voraussetzungen gibt es für die freiwillige Lernhilfe?
Anders als der Lehrberuf unterliegt Nachhilfe in Österreich keiner staatlichen Lizenz. Prinzipiell darf sich jede und jeder dafür melden. Viele Organisationen verlangen eine Strafregisterbescheinigung, die für Freiwillige übrigens kostenlos ist.
Weitere formale Voraussetzungen gibt es nicht, dafür aber Eigenschaften, die wichtig sind, wie Fachwissen, Empathie, Freude an der Arbeit mit Kindern und Zuverlässigkeit. Den größten Nachhilfe-Bedarf gibt es in den Hauptfächern Mathematik, Deutsch und Englisch.
Für den Bereich der Lernhilfe ist es von Vorteil, wenn man sich regelmäßig und mittel- bis langfristig statt nur punktuell engagieren möchte. Wenn man sich zumindest ein Semester bindet, ist gegenüber den Schülern eine gewisse Kontinuität gewährleistet. Als Richtwert für die Dauer gilt mindestens eine Stunde pro Woche.
Wohin kann man sich wenden?
Am besten kontaktiert man direkt eine Institution in der Nähe. In Österreich gibt es in allen Bundesländern Organisationen, die Projekte in dieser Richtung koordinieren und Schülerinnen und Schüler, die Nachhilfe benötigen, mit Freiwilligen vernetzen. Der Bedarf ist groß und die Wartelisten sind lang. Das Rote Kreuz beispielsweise vermittelt Lernbegleitung und Lesepatenschaften. Die Caritas bietet österreichweit das Projekt Lerncafé an. Dort helfen geschulte und freiwillige Mitarbeiter Kindern im Alter von sechs bis 15 Jahren bei den Hausaufgaben und bereiten sie gezielt auf Tests und Schularbeiten vor. Aber auch soziales Lernen und gemeinsame Freizeitgestaltung stehen auf dem Programm. Der Verein Studytutors vermittelt in Innsbruck und Wien kostenlose 1:1-Nachhilfe von Studierenden für finanziell benachteiligte Kinder.
Interview mit Monika Köck, die sich als freiwillige Lernhelferin engagiert
Monika Köck gibt seit drei Jahren ehrenamtlich Förderunterricht. Im Gespräch erzählt sie, warum ihr diese Aufgabe so viel bedeutet.
Frau Köck, wie sind Sie zu Ihrem ehrenamtlichen Engagement gekommen?
Während meiner beruflichen Laufbahn habe ich durch den dm „mehr vom leben tag“ (Anm. d. Red.: Das ist ein vom Unternehmen zur Verfügung gestellter Urlaubstag für freiwilliges Engagement) bereits ins freiwillige Engagement hineingeschnuppert und war unter anderem Müll sammeln. Mehr ging sich im Alltag zwischen Beruf und Familie nicht aus. Mit dem Pensionsantritt änderte sich das und ich wollte einen Teil meiner verfügbaren Zeit einer sinnstiftenden Aufgabe widmen. Wichtig ist mir dabei, einen Beitrag für Menschen zu leisten, die sich in Österreich integrieren möchten. Und dass es eine Aufgabe mit Kindern ist. Ursprünglich wollte ich sogar einmal Kindergartenpädagogin werden. Es ist dann anders gekommen, aber in gewisser Weise hole ich diesen Traum nun nach.
Wie ging es weiter?
Mir war bekannt, dass es Organisationen gibt, die Lernhilfe anbieten. Dort habe ich mich dann quasi beworben – mit Lebenslauf, Gesprächen und einer Strafregisterbescheinigung. Das wird sehr ernst genommen, und ich finde das auch richtig. Die Organisation möchte ja sicherstellen, dass die Freiwilligen gut geeignet sind.
Wen begleiten Sie und wie sieht ein typischer Einsatz aus?
Ich betreue aktuell zwei Mädchen für zwei bis drei Stunden pro Woche. Eines der Kinder besucht die erste, das andere die vierte Schulstufe. Beide haben einen Migrationshintergrund und brauchen aufgrund ihrer Sprachdefizite Unterstützung in allen Fächern. Ich helfe bei den Hausübungen, erkläre ergänzend den Unterrichtsstoff und unterstütze bei der Vorbereitung auf Schularbeiten und Tests. Was mir besonders gefällt, ist, dass alles in Abstimmung geschieht. Der Förderunterricht findet in der Schule statt, teilweise Tür an Tür mit den Lehrerinnen. Ist die Arbeit geschafft, freuen sich die Mädchen und ich auf eine Runde Memory oder „Wer bin ich?“. Manchmal gibt’s auch eine kleine Belohnung wie einen Faschingskrapfen oder einen Glitzerstift. Es ist auch schon vorgekommen, dass wir außerhalb des Unterrichts etwas unternommen haben, beispielsweise einen Zoobesuch.
Gibt es Schulungen für Ihre Tätigkeit?
Mein Engagement läuft über die Diakonie Salzburg. Dort gibt es ein laufendes Angebot an Events, Aus- und Weiterbildungen für uns Freiwillige, das ich gerne nutze. Ich nehme wertvolle Tipps mit, zum Beispiel, wie man durch kurze Bewegungsübungen die Konzentrationsfähigkeit der Kinder anregt. Was ich ebenfalls schätze, ist die professionelle Begleitung. So gibt es beispielsweise die Möglichkeit, monatlich an einer Supervision mit Reflexion teilzunehmen, die eine Psychotherapeutin leitet. Hier besprechen wir in der Gruppe Herausforderungen und positive Erlebnisse im freiwilligen Engagement. Die professionelle Sichtweise zu hören, bereichert mich immer wieder.
Welche Herausforderungen begegnen Ihnen im Rahmen ihres Engagements?
Oft ist es schwierig, die Hausaufgaben in ein bis eineinhalb Stunden zu bewältigen. Für Gespräche und Freizeit bleibt dann nicht mehr viel Zeit. Ich habe auch schon etwas ältere Kinder aus der Mittelschule unterstützt. Da war der Lernstoff anspruchsvoller. Zum Glück ist mein Sohn Lehrer am Gymnasium und hat mir Bücher zukommen lassen, damit ich mich vor den Lernstunden einlesen konnte.
Was machen Sie, um die Kinder zum Lernen zu motivieren?
Ich durfte schon einige Kinder und Jugendliche begleiten und kann sagen, dass ausnahmslos alle sehr bemüht und fleißig waren. Trotzdem gibt es immer wieder Situationen, in denen man etwas nachhelfen muss. Ich versuche das, indem ich ihnen den Sinn unserer Treffen näherbringe. Mit Gesprächen und persönlicher Zuwendung erreicht man meistens sehr viel. Schulische Erfolgserlebnisse helfen dabei natürlich ebenfalls. Außerdem glaube ich, dass die Nachhilfe-Schülerinnen und -Schüler merken, dass mir unsere Treffen Freude bereiten – das ist ansteckend.
Gibt es ein Erlebnis, das Sie besonders berührt hat?
In einer Lerngruppe gab es einen Buben, dem die anderen Kinder das Leben anfangs schwer gemacht haben. Durch sein fußballerisches Können hat er sich dann immer mehr Respekt verschafft. Eines Tages hat er mir freudestrahlend erzählt, dass er in der Fußball Akademie aufgenommen wurde. Dorthin kommen nur die Allerbesten, und das hat mich persönlich wirklich sehr für ihn gefreut.
Was motiviert Sie, Zeit und Energie ins freiwillige Engagement zu stecken?
Ich möchte meine Zeit sinnvoll einsetzen. Beim Förderunterricht mit Kindern habe ich das Gefühl, dass mein Engagement wirklich etwas bewirkt. Mir macht es so viel Spaß, dass ich über die Zeit, die ich dafür aufwende, überhaupt nicht nachdenke. Solange es mir möglich ist, gehört das freiwillige Engagement für mich in diesem Lebensabschnitt dazu.
Welchen Benefit haben Sie persönlich von Ihrem Engagement?
Ich lerne neue Menschen kennen, es macht Spaß und ich habe die Möglichkeit, mich in einer neuen Aufgabe weiterzuentwickeln. Darüber hinaus verbringe ich eine sehr schöne Zeit mit Kindern, das ist etwas sehr Bereicherndes für mich.
Was raten Sie Menschen, die überlegen, sich auch zu engagieren?
Ich würde empfehlen, sich die vielen Möglichkeiten im freiwilligen Engagement durchzusehen und zu überlegen: „Was passt wirklich zu mir?“ (Anm. d. Red.: Vielleicht hilft dabei dieser Test?). Dann Kontakt mit den Organisationen aufnehmen und eventuell einen Schnuppertag vereinbaren. Es gibt unglaublich viele Möglichkeiten für freiwilliges Engagement – da ist für jeden etwas dabei. Oft merkt man erst, wie viel Freude es macht, wenn man damit beginnt.