Wellness mit Kind: Helfen ein Bad oder eine Massage, um Kindern Entspannung zu verschaffen?
Wir haben eine Expertin gefragt

Krabbelstube, Schulstress & Co: Brauchen Kinder Wellness?

Englisch nach dem Kindergarten, Klavierspielen nach dem Hort und dreimal die Woche zum Judo oder ins Ballett: Kinder haben oft einen ähnlich vollen Terminplan wie Erwachsene. Ist also Wellness mit Kind angebracht? Oder wie entspannen Kinder richtig?

Massagen, Yoga, meditieren: Für die meisten Erwachsenen sind Wellness und Entspannungsmomente aus ihrem Alltag kaum mehr wegzudenken. Denn der Job, unsere Beziehungen, die Familie: All das verlangt uns einiges ab. Aber nicht nur Erwachsene erleben alltäglich Stresssituationen – auch Kinder werden mit Pflichtprogramm wie Krabbelstube, Schule und Nachmittagsangeboten stark gefordert. Wir haben Familienberaterin und Eltern-Coach Linda Syllaba gefragt: Welche Folgen hat das? Brauchen Kinder Entspannung? Und ist Wellness mit Kind der richtige Ansatz, um den Alltagsstress auszugleichen?

Wellness mit Kind: Wie und wann das sinnvoll ist

Heutzutage werden häufig schon 1- und 2-Jährige fremdbetreut. Das kann für die Kleinen sehr anstrengend sein. Frau Syllaba, wie merken Eltern, dass ihre Kinder gestresst sind und Entspannung brauchen?

Das merken Sie, wenn Sie Ihre Kinder abholen: Sie sind müde, quengelig, erschöpft, hungrig, weinerlich und brauchen dann Ruhe. Es ist eine Mischung. Die Kleinen sind vielleicht auch sehr empfindlich: Dinge, die sonst kein Problem darstellen, sind auf einmal ein Problem. Die Gefühlsregulation ist bei Kindern noch nicht so ausgeprägt, deshalb zeigen Kinder ihre Gefühle ungefiltert und unreguliert. Weinen ist zum Beispiel auch ein Ventil für Kinder – es ist zugleich reinigend und hilft ihnen Dinge zu verarbeiten. Wenn Kinder scheinbar grundlos weinen, ist ihnen womöglich gerade alles zu viel.

Hat der Dauerstress Folgen?

Natürlich hat das Folgen: Es ist anstrengend für kleine Kinder, außerhalb des häuslichen, sicheren Feldes zu sein – mit zunächst fremden Betreuungspersonen. Im Grunde ist es wie arbeiten gehen in einem sehr jungen Alter. Das fängt morgens an, wenn wir in die Krippe hetzen. Dort verlangen wir unseren Kindern ab, dass sie sich einfügen, anpassen, eingewöhnen. Weil so viele andere Ablenkungsfaktoren da sind, herrscht Reizüberflutung. Das Kind ist am Nachmittag bis zum Rand voll mit Eindrücken und muss dann möglicherweise noch in irgendeinen Kurs. Langfristig erziehen sich Eltern so einen „Junkie“, der immer Fremdbespaßung braucht und viele Eindrücke sucht – weil er es nicht anders kennt! Menschen haben aber ein Bedürfnis nach Ruhe und auch Kinder brauchen Ruhe zum „einfach sein“.

Wie lassen wir unsere Kinder „einfach sein“?

In möglichst geringer Einschränkung und mit möglichst geringer Reizeinflutung. Auch Spielzeug wie Legosteine oder eine Barbiepuppe kann Kinder überfordern. Wenn wir unsere Kinder aber einfach sein lassen, fehlt ihnen etwas, es geht ihnen etwas ab. Das ist der natürliche Zugang, selbst herauszufinden wie die Welt funktioniert. Das Kind lernt Selbstwirksamkeit. Und genau die nehme ich dem Kind, wenn ich es ihm nicht ermögliche, einfach zu sein. Denn: Spielen ist der Lebenszweck des Kindes, dafür braucht es Zeit und Raum. Wenn ich von Anfang an den Raum schaffe, dann spielt das Kind auch allein und findet immer etwas zum Beschäftigen. Am Anfang natürlich noch nicht lange – aber es kommt dann von alleine zu Ihnen. Und die interessantesten Dinge für ein Kind sind die Dinge des Alltags: Denken Sie nur an das Geschenkeauspacken beim letzten Weihnachtsfest mit Ihrem Kleinkind: Woran hatte es die meiste Freude? Am Karton! 

Wie sieht Entspannung für ganz kleine Kinder konkret aus?

Wir sollten immer schauen, was für das Kind passt: Die meisten mögen Körperkontakt. Deshalb sagen Sie Ihrem Baby: Jetzt tu ich dich ins Tragetuch und wir gehen kuscheln. Generell empfehle ich bei kleinen Kindern: tragen, tragen, tragen und ganz viel Körperkontakt. Wir müssen es aber auch respektieren, wenn ein Kind das nicht mag und ablehnt. Dann können wir es einfach auf eine Decke legen und in Sichtweit bleiben. Ansonsten lassen wir das Kind einfach sein. Kinder brauchen auch einfach mal nur die Wand anschauen. Daraus entsteht bei Menschen generell Kreativität. 

Kann Bewegung auch ein Mittel sein, um Stress entgegenzuwirken?

Ja, Bewegung hilft auch auf jeden Fall. Man muss die Kleinen auch mal toben lassen. Denn: Kinder brauchen Bewegung und Kinder wollen sich bewegen. Sie rennen eh freiwillig in den Garten, wenn sie nicht schon auf das Tablet programmiert wurden. Ein Geheimrezept meiner Co-Autorin Daniela Gaigg: Ihre Kinder müssen ab und an einfach eine Runde mit ihr spazieren gehen. Sie macht das unter einem Vorwand, etwa, dass sie noch zur Post müsse oder etwas einkaufen. 

In der Stadt kann Bewegung für Kinder der Weg in den Kindergarten sein; ob mit dem Roller oder zu Fuß. Auf Auto und Lift zu verzichten tut auch Erwachsenen gut. Was nämlich wirklich erschreckend ist: Unser Zufußgeh-Radius ist von 25 Kilometern auf 2,5 Kilometer pro Tag geschrumpft!

Kinder spiegeln ihre Eltern, also auch den elterlichen Stress. Wenn die Eltern selber gestresst sind – was dann?

Runter vom Gas! Schauen Sie darauf, dass Ihr Kind seine Ruhe findet. Sie können ein Ritual einführen wie: Beim Nachhausekommen etwas Bequemes anzuziehen sowie Hände und Gesicht zu waschen. Einfach, um zu verdeutlichen: Jetzt sind wir im Entspannungsmodus zuhause. Gefühle zeigen ist aber explizit erlaubt – ob Weinen oder Aggressivsein. Der worst case tritt ein, wenn die Eltern selber gestresst heimkommen und das Kind aufdreht. Wenn es den Eltern gut geht, geht’s den Kindern gut. Deshalb gilt: Die wichtigste Person in meinem Leben muss ich sein! Wenn ich dafür sorge, dass es mir gut geht, ist das das Beste, was ich für meine Familie tun kann. 

Was können wir an uns verändern, damit wir den Kindern Ruhe und Ausgeglichenheit vermitteln?

Der Stress der meisten Erwachsenen geht damit einher, dass sie mit ihren Gedanken und Emotionen nicht im Hier und Jetzt sind: Wir sind in der Vergangenheit und fragen uns „Was hätte ich anders machen können?“. Oder wir sind in der Zukunft und fragen uns „Was muss ich noch vorbereiten?“ Kinder vertragen das schlecht. Sie brauchen Eltern, die da, greifbar, spürbar sind. Denn Kinder spüren den elterlichen Stress und kommen auch nicht zur Ruhe. Es liegt generell in der Verantwortung der Erwachsenen dafür zu sorgen, dass das Leben erst gar nicht so stressig ist. Und wenn einem wirklich alles zu viel wird, sollte man entrümpeln, sich Hilfe holen, Dinge auslagern oder die Aufgabenverteilung überarbeiten.

Und wie ist es nun mit Wellness: Brauchen Kinder das schon?

Das kommt auf die Definition von Wellness an – ein Thermenhotel braucht kein Kind! Massagen aber können zum Beispiel hilfreich sein bei Wachstumsschmerzen: Die Füße und Beine mit Öl massieren ist eine super Sache. Es gibt auch Achtsamkeitsgruppen und Meditation für Kinder. So etwas tut allen Menschen gut. Und wenn es kindgerecht eingebracht wird, finden die Kleinen das super. Sie merken sofort, wie es ihnen wohltut. 

Was ist denn angemessene Wellness für Kinder – und für welches Alter?

Yoga ist beispielsweise im Vorschulalter sinnvoll – auch in Kursen. Ich würde aber grundsätzlich nicht mit Altersangaben vorgehen. Besser ist es, Wellness mit Kind in meinen Alltag zu integrieren. Denn: Kinder schauen sich Wellness bei den Eltern ab. Einfach die Füße hochlegen und die Wand anschauen ist in dem Sinne auch Wellness – genau wie schöne Musik hören, massieren, kuscheln oder eincremen. Das fühlt sich auch angenehm an, denn beim Eincremen streichle ich mich selbst. Ich kann auch mit meinem Kind daheim die fünf Tibeter machen. Meine Buben haben früher sogar ihre Nägel mitlackiert, als sie das bei mir gesehen haben. Es ist dann normal, wenn alle mitmachen.

Seit 2002 ist Linda Syllaba Life-Coach und unterstützt Menschen in ihrem Job, der Familie und ihrem Leben (beziehungshaus.at). Sie ist selbst Mutter von zwei Söhnen. Im August erschien ihr Buch „Die Schimpf-Diät“, in dem sie gemeinsam mit Co-Autorin Daniela Gaigg den Weg zu einer liebevollen und entspannten Eltern-Kind-Beziehung beschreibt.

Buchtipp: Wenn Sie noch Anregung in puncto Wellness mit Kindern suchen, ist „Das tut mir gut, Mama!“ von Anja Frenzel vielleicht das Richtige für Sie. Bei der Glückspunkt-Methode, die die Autorin in dem Buch thematisiert, wird der Körper über eine Fokussierungsübung in kurzer Zeit in einen sehr tiefen Ruhezustand versetzt. Das Kind kommt zur Ruhe, nimmt sich besser wahr, entwickelt Stärke und Selbstbewusstsein.

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