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Erziehen nach Montessori: 6 Alltagsideen

Hilf mir, es selbst zu tun

Erziehen nach Montessori: 6 Alltagsideen

Erziehen ist jeden Tag eine Herausforderung. Doch ein Grundsatz aus der Montessori-Pädagogik hilft im Alltag, Eltern und Kindern das Leben zu erleichtern.

Im Jahr 2020 ist ein Montessori-Jubiläum: Vor 150 Jahren wurde Maria Montessori geboren – sie war Ärztin und Philosophin und begründete die nach ihr benannte Reformpädagogik, die bis heute vielerorts Einzug in den Alltag von Kindergärten und Schulen gehalten hat.

Elementar ist der Friedensgedanke: Erziehungs- und Lehrpersonal gehen mit den Kindern friedlich um, sprich: „Wir kommunizieren gewaltfrei und geben Acht auf die Umwelt“, sagt Julia Andritz, Montessori-Pädagogin in einer Kleinkindergruppe im Montessori Kinderhaus in der Wiener Joanelligasse.

Hilf mir, es selbst zu tun“ ist einer der wichtigsten Grundsätze der Pädagogik nach Maria Montessori. Und diesen Leitsatz können sich alle Eltern zu Herzen nehmen – und ihn zuhause in den Alltag mit Kind integrieren. Wie das geht, sagt Expertin Julia Andritz.

Ohne Montessori: Erziehen wir uns im Alltag faule Kinder

Eigentlich wollen wir Erwachsenen unsere Kinder zu selbstständigen Menschen erziehen. Doch im Alltag geht das mitunter nach hinten los: Eltern nehmen ihren Kindern Dinge oft ab, das Schuhezubinden zum Beispiel – weil es morgens ja schnell gehen muss. Dann passiert laut Andritz Folgendes: „Das Kind glaubt, dass es noch nicht alt oder kompetent genug dafür ist, das selbst zu tun.“ Es gewöhnt sich daran, dass die Eltern es übernehmen und resigniert letztlich. Und will für lange Zeit seine Schuhe nicht mehr selber binden.

Die Folge: Wenn wir Erwachsenen zu viel abnehmen und Kindern nicht die Zeit geben, Dinge auf ihre Weise selber zu machen, erziehen wir uns unterm Strich faule Kinder.

Anders im Montessorikindergarten: „Wir bieten Kindern eine Umgebung, in der sie möglichst unabhängig von uns agieren können – ganz nach dem Grundsatz ‚Hilf mir, es selbst zu tun‘.“ Die Folge: Wenn Kinder sich selbst mit bereitgestellten Materialien beschäftigen oder ihre Schuhe alleine anziehen dürfen, haben sie Erfolgserlebnisse und das stärkt ihr Selbstvertrauen. Aber auch zuhause ist es möglich, die Ideen der Montessori-Pädagogik in den Alltag einzubauen:

6 x Montessori im Alltag umsetzen:

  1. Nicht zu oft eingreifen

    „Oft ist Eltern gar nicht bewusst, dass sie ihr Kind seiner Selbstständigkeit berauben, wenn sie eingreifen“, sagt Julia Andritz. Um es sich bewusst zu machen, hilft es, wenn sich Eltern fragen, was sie selbst von der Situation erwarten: Beim Beispiel Schuheanziehen etwa: Soll der Schuh richtig gebunden sein? Oder ist es mir wichtig, dass mein Kind überhaupt Schuhe anhat? Schon mit zwei bis zweieinhalb Jahren kann das ein Kind selbst, dann noch am besten Schuhe mit Klettverschluss verwenden.

  2. Oberstes Gebot: Eltern sind immer Vorbilder

    Darum ist Vormachen Gold. Binden Sie Ihre eigenen Schuhe mit Worten zu wie „Ich zeige dir, wie man diesen Schuh zumacht.“ So geben Sie Ihrem Kind die Freiheit, es anschließend auf seine eigene Weise zu schaffen. Denn: „Es gibt in der Montessori-Pädagogik kein richtig oder falsch. Wenn ein Kind also den falschen Schuh anzieht, sagen wir: ‚Du hast den linken Schuh am rechten Fuß an‘. Aber nicht: ‚Du hast den falschen Schuh angezogen‘.“

  3. Setzen Sie Ihr Kind nicht unter Druck, sondern:

    „Planen Sie ein, wie viel Zeit Sie brauchen, damit Ihr Kind den Rahmen hat, sich um sich selbst zu kümmern.“ Ihr Kind sollte spüren und wissen, dass es bestimmte Tätigkeiten nicht in einem bestimmten Zeitraum ausführen muss, sondern sich Zeit nehmen darf.

  4. Platzieren Sie Spielsachen auf Augenhöhe des Kindes

    Wenn das Kind selbst an seine Spielsachen und andere Materialien herankommt, kann es sich auch jederzeit selbst damit auseinandersetzen und muss nicht erst Mama oder Papa danach fragen. Auch wichtig: Regale mit Material für das Kind müssen kippsicher stehen.

    Tipp: Mit Kärtchen wie diesen können Sie den Kleiderschrank mit Symbolen versehen, damit Ihr Kind sich selbst sein Gewand herausholen kann. Und wenn Sie wissen wollen, wie Sie den Kleiderkasten montessorigerecht einräumen, gibt es ganz konkrete Tipps dort: Mehr zum Thema.

  5. Trauen Sie Ihrem Kind etwas zu

    Scharfe Messer und sonstige gefährliche Gegenstände sollten Sie natürlich bei kleinen Kindern meiden. Aber: Messer für Kinder sollten möglichst echt und nicht aus Plastik sein, rät die Expertin. Dann lernen die Kinder gleich den richtigen Umgang damit. „Kinder wollen vieles selber machen, das taugt ihnen und macht selbstbewusst.“ Auch echte Gläser in der richtigen Größe für kleine Kinderhänder sind angeraten und Scheren mit abgerundeten Spitzen. Schon Zweijährige lieben es zu schneiden und zu basteln.

  6. Seien Sie kreativ

    Trauen Sie sich, Alltagsgegenstände jederzeit zu zweckentfremden: „Bei uns im Kindergarten lernen die Kleinen das Abstauben von Spielsachen oder auch Pflanzen mit einer Kosmetikapplikation – also einer Puderquaste.“ Diese hat die genau richtige Größe für die kleine Kinderhand. Und ja: Nudeln oder Reis gehören eigentlich in den Kochtopf. Aber gerade kleine Kinder lieben es, damit umzugehen: Bieten Sie Ihrem Kind ungekochte Nudeln, Bohnen oder Reis in Schüsseln und Messbechern an – es wird ewig damit verbringen, die Lebensmittel von einer Schüssel in die andere zu schütten. Und dabei lernt es fürs Leben.