Ulrich Eichelmann: „Wir dürfen Flüsse nicht wie Maschinen behandeln“
Mit seiner Organisation RiverWatch setzt sich Ulrich Eichelmann für den Erhalt unberührter Gewässer ein. Hier erklärt er, warum das „blaue Herz Europas“ gerade auf dem Balkan geschützt werden muss.
Inhaltsverzeichnis
- Wie kam es dazu, dass Sie Ihr ganzes Leben dem Schutz von Flüssen widmen wollten?
- Und irgendwann wird daraus ein Beruf. Oder eher eine Mission?
- Mit RiverWatch konzentrieren Sie sich nun auf den Balkan. Warum?
- Wie verhindert man denn konkret so ein Kraftwerk?
- Viele meinen, Wasserkraft sei klimafreundlich, warum sehen Sie das anders?
- Lebendige Flüsse, überlebende Arten
- Sie kämpfen vor allem gegen Staudämme, gab es da ein Ereignis, das Sie besonders geprägt hat?
- Eine schlimme Niederlage …
- Und was sind Ihre größten Erfolge?
- Aber brauchen diese Länder nicht die Energie für den Fortschritt?
- Wie finanziert sich Ihre Organisation?
- Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen Unternehmen?
- Wie schaffen Sie es, immer weiterzumachen?
Aktivist Ulrich Eichelmann setzt sich sein Leben lang für Flüsse ein, denn sie sind unsere Lebensadern, sagt er. Als Kind hatte der 64-Jährige am liebsten an einem Bach gespielt, im Studium hatte der gebürtige Deutsche die Faszination der Donau-Auen östlich von Wien kennengelernt. Seitdem kämpft er dafür, dass die wenigen unberührten Gewässer in Europa erhalten bleiben. Zuerst viele Jahre beim World Wide Fund For Nature (WWF), gründete er 2011 die Naturschutzorganisation River-Watch. Wir sprachen mit ihm über zerstörerische Wasserkraftwerke, schlimme Niederlagen und warum eine Steinfliege Eichelmanni heißt.
Wie kam es dazu, dass Sie Ihr ganzes Leben dem Schutz von Flüssen widmen wollten?
Es gab kein großes Aha-Erlebnis. Aber ein Bach spielte in meiner Kindheit eine große Rolle. Ich bin in einem kleinen Dorf bei Paderborn (Nordrhein-Westfalen, d. Red.) aufgewachsen. Da floss die Altenau durch. Das war meine Welt. Wir sind da durchgestapft, haben Fische gefangen, Eisvögel beobachtet. Wir hatten ein Seil über den Bach gespannt und sind wie Tarzan rübergeschwungen. Ich glaube, da hat sich etwas festgesetzt. Dieses Gefühl von Freiheit. Von Lebendigkeit.
Und irgendwann wird daraus ein Beruf. Oder eher eine Mission?
Es lässt mich nicht mehr los. Ich habe Landespflege studiert und bin für ein Praktikum nach Wien gegangen. Da stand ich in den Donau-Auen und das Wasser war anders als in meiner Dorf-Idylle. Da habe ich zum ersten Mal einen richtigen Auwald gesehen, mit Altarmen und Schotterinseln. Ich habe darüber meine Diplomarbeit geschrieben, anschließend beim WWF in Wien angefangen. Zu Beginn der 1990er-Jahre sollte östlich von Wien ja noch ein großes Wasserkraftwerk gebaut werden. Mein Job beim WWF war es, diesen Plan zu verhindern und stattdessen einen Nationalpark Donau-Auen zu initiieren. Das hat dann im Oktober 1996 geklappt. Ich war in den ganzen 17 Jahren beim WWF immer für Flüsse und deren Schutz zuständig.
Mit RiverWatch konzentrieren Sie sich nun auf den Balkan. Warum?
Weil es dort noch echte Flüsse gibt. In anderen Regionen haben wir fast nur noch Überreste. Die Donau in Mitteleuropa zum Beispiel ist eine Kette von Staustufen. Auf ihren ersten 1.000 Kilometern vom Schwarzwald bis nach Bratislava gibt es nur noch drei nennenswerte freie Fließstrecken, der Rest staut hinter Dämmen. Auf dem Balkan dagegen gibt es Flusssysteme, die funktionieren. Mit all ihren Zuflüssen sind sie wie
ein Netz au Adern. Doch auch sie sind in Gefahr: Rund 3.000 Kraftwerke waren geplant. Etwa 1.000 wurden fertiggestellt. Aber mit unseren Partnern aus Deutschland und den Balkanstaaten haben wir in den vergangenen 13 Jahren etwa 350 Bauprojekte verhindert. Unsere Kampagne „Save the Blue Heart of Europe“ ist inzwischen eine richtige Bewegung.
Wie verhindert man denn konkret so ein Kraftwerk?
Am effektivsten ist ein Mix aus regional, national und international engagierten Leuten, die sich gemeinsam und koordiniert gegen die Bedrohungen stellen. Sehr wichtig sind die Menschen vor Ort. Auf dem Balkan haben viele jetzt verstanden, welchen Schatz sie besitzen. Sie wussten gar nicht, wie wertvoll ihre Flüsse sind, sie haben ja nie gesehen, wie zerstört sie anderswo sind. Wenn dann jemand kommt und sagt: „Das hier ist einzigartig, ihr habt was Tolles“, verändert das etwas. Das Engagement der Menschen hat mich beeindruckt. Die gehen auf die Straße, besetzen Baustellen, riskieren teilweise richtig viel. Dieses zivile Engagement für Natur ist dort viel stärker als bei uns. Die tapferen Frauen von Kruščica sind mittlerweile berühmt, sie hatten mehr als 500 Tage und Nächte eine Baustelle in den bosnisch-herzegowinischen Bergen besetzt. Ihr Fluss ist heute gerettet.
Viele meinen, Wasserkraft sei klimafreundlich, warum sehen Sie das anders?
Wasserkraft ist vielleicht die am meisten zerstörerische Form der sogenannten erneuerbaren Energien. Nicht, weil sie grundsätzlich schlecht ist, sondern weil wir maßlos geworden sind. Wir haben Flüsse behandelt wie Maschinen. Und irgendwann kippt das System. Ein Fluss ist Bewegung. Wenn du ihn aufstaust, nimmst du ihm sein Herz. Die Fische können nicht mehr wandern. Die Sedimente bleiben hängen. Hochwasser, das ganze Landschaften fruchtbar macht, bleibt aus. Aus einem lebendigen System wird etwas Starres. Tiere und Pflanzen sterben. Wasserkraft kann in kleinen Dosen sinnvoll sein. Aber wir haben längst eine Überdosis. Allein in Österreich gibt es über 5.000 Wasserkraftwerke und die meisten bringen fast nichts. Die größten 150 liefern etwa 90 Prozent des Stroms. Tausende Anlagen zerstören massiv Natur für gerade mal 10 Prozent Wasserkraftstrom.
Lebendige Flüsse, überlebende Arten
Aktion bei der Drina-Regatta (Serbien) am 4. Juli 2017: Ulrich Eichelmann und Mitstreiterin Cornelia Wieser warnen vor der Gefährdung des Huchen-Bestands durch Staudamm-Projekte.
Sie kämpfen vor allem gegen Staudämme, gab es da ein Ereignis, das Sie besonders geprägt hat?
Die Geschehnisse rund um den Ilisu-Staudamm am Tigris in der Südosttürkei: Als dort 2006 der riesige Staudamm gebaut werden sollte, habe ich mich selbstständig gemacht, um dagegen zu kämpfen. Wir haben es tatsächlich auch geschafft, internationale Geldgeber zum Rückzug zu bewegen, und feierten, als Deutschland, Österreich und die Schweiz 2009 ausgestiegen sind. Aber dann musste ich lernen, dass ein Sieg nie endgültig ist. Der türkische Präsident Erdoğan trieb das Geld auf und baute den Staudamm für das Wasserkraftwerk trotzdem. Das war auch eine politische Machtdemonstration im Kurdengebiet. Zehntausende Bewohner wurden umgesiedelt, über 200 Orte waren betroffen. Eine der ältesten Regionen der Menschheit wurde zerstört, die veränderte Wasserführung wirkte bis in den Irak.
Eine schlimme Niederlage …
Ich war ja oft dort gewesen, hatte die Menschen kennengelernt, ihre Häuser, ihre Geschichten. Und dann musste ich zusehen, wie irgendwann das Wasser kam. Nicht plötzlich. Ganz langsam. Erst verschwanden die unteren Stockwerke, dann ganze Straßenzüge. Irgendwann trieben Möbel an der Oberfläche. Müll. Erinnerungen. Ich wusste: Das ist das letzte Mal, dass ich diese Orte, Brücken, die ganze Landschaft gesehen habe. 60.000 Menschen verloren ihre Heimat. Auch die antike Stadt Hasankeyf, ein historischer Ort, 12.000 Jahre alt, einst eine Station der Seidenstraße, ist in den Fluten des neuen Stausees versunken. Und wir konnten nichts tun. Das ist ein Gefühl von Ohnmacht, das bleibt.
Und was sind Ihre größten Erfolge?
Dass in Albanien die Vjosa als erster Wildfluss-Nationalpark Europas geschützt wurde. Da ist es vorbildlich gelungen, ein ganzes System zu erhalten: die Vjosa von der Grenze zu Griechenland bis zur Adria und die frei fließenden Nebenflüsse, mit einer Gesamtlänge von mehr als 400 Kilometern. In Bosnien gab es ebenfalls wichtige Fortschritte. Dort wurde in einem Landesteil der Bau von kleinen und mittleren Wasserkraftwerken verboten. Im Grunde ist der Balkan so etwas wie die letzte Chance, noch großflächig intakte Flusslandschaften zu erhalten. Wenn wir das jetzt verlieren, dann ist ganz Europa ärmer. Auf dem Balkan gibt es mehr als 60 Fischarten, die nur noch dort existieren, etwa die Weichmaulforelle. Ich kann gar nicht zählen, wie viele Tierarten unsere Wissenschaftler in den letzten zehn Jahren dort neu entdeckt haben. Eine davon wurde sogar nach mir benannt, eine Steinfliegenart: die Oxyethira eichelmanni.
Aber brauchen diese Länder nicht die Energie für den Fortschritt?
Ja, aber die Wasserkraft ist schon in fast allen Ländern völlig ausgebaut und wir sind nicht mehr in den 1960er-Jahren, sondern haben längst neue Alternativen. Albanien zum Beispiel produziert etwa 95 Prozent seines Stroms aus Wasserkraft und nutzt kaum Sonnenenergie. Dabei gibt es im Süden des Landes bis zu 300 Sonnentage im Jahr.
Wie finanziert sich Ihre Organisation?
Wir bekommen keine staatlichen Gelder, sondern arbeiten mit Spenden und Förderungen. Es gibt verschiedene Umweltstiftungen und viele Spenden, von größeren Summen bis hin zu ganz kleinen Beträgen. Ein Kind zum Beispiel überweist jeden Monat einen Euro. Eine wichtige Rolle spielt dabei seit fast zehn Jahren die Firma Patagonia, die uns aktiv unterstützt.
Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen Unternehmen?
2016 rief mich eine Frau an: „Hey, here is Mihela from Patagonia.“ Ich kannte die Outdoor-Marke gar nicht. Die Anruferin aus der Amsterdamer Europa-Zentrale erklärte mir dann, dass ihre Firma weltweit Umweltprojekte unterstützt. Sie kannte sich gut aus mit unseren Anliegen und fand die Kampagne „Save the Blue Heart of Europe“ gut. Seitdem sind sie dabei, haben etwa den tollen Film „Blue Heart“ gegen Wasserkraftprojekte am Balkan produziert. Trotzdem funktioniert das Ganze nicht nur über Geld. Das wichtigste sind Menschen, die sich mit echter Leidenschaft engagieren. Wissenschaftler arbeiten kostenlos oder für sehr wenig Geld, Anwälte unterstützen uns, Künstler schaffen Öffentlichkeit, Aktivisten vor Ort setzen sich enorm ein. Das ist letztlich ein klassischer David-gegen-Goliath-Kampf.
Wie schaffen Sie es, immer weiterzumachen?
Mein Zugang ist, alles zu geben, aber mir ist immer klar, dass es wahrscheinlicher ist, zu verlieren als zu gewinnen. Mit dieser Haltung kann man etwas erreichen. Und falls man verliert, bekommt man kein Burn-out.