Brustkrebs: Zwischen Schock und neuen Chancen
Die Diagnose ist alles andere als selten, das Umgehen damit herausfordernd: Brustkrebs. Über die Fortschritte in der Medizin, den Sinn von Vorsorge und warum das Wort „kämpfen“ nicht weiterhilft.
Wir kennen diesen Trick von kleinen Kindern: Wenn sie wollen, dass etwas nicht da ist, machen sie einfach die Augen zu. So ähnlich verhalten sich viele, wenn es um das Thema Krebs geht: nicht drüber sprechen, nicht drüber lesen, nicht vorsorgen.
„Wenn man von anderen redet, die an Brustkrebs erkrankt sind, wird oft die Stimme gesenkt“, sagt Doris Kiefhaber, Geschäftsführerin der Österreichischen Krebshilfe. „Die Angst vorm Tod schwingt da oft noch automatisch mit.“ Dass es einen selbst schon nicht treffen wird, ist ein oft unbewusster Wunsch, eher magisches Denken als eine realistische Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten. Denn es sei gar nicht die Frage, ob man an Krebs erkrankt, sagt die Krebsforscherin Dr. Hanna Heikenwälder, sondern eher, wann.
Krebs betrifft uns alle, sagt sie, im gesellschaftlichen, aber auch im wissenschaftlichen Sinn. Nicht jede und jeder wird diese Diagnose bekommen, aber Krebsvorstufen findet man ab einem bestimmten Alter in jedem Menschen.
Die Autorin forscht als Molekularbiologin zur Entstehung von Krebs und erklärt unter anderem, weshalb wir verstehen müssen, wie Krebs entsteht, um seinen Ausbruch zu verhindern, welche kleinen Veränderungen im Lebensstil großartige Wirkungen gegen Krebs zeigen und wie die Zukunft der Krebsforschung Leben verlängern wird.
Ein umfassender Blick auf das Phantom Krebs, der nicht nur Betroffenen und ihren Angehörigen Zuversicht, Klarheit und Wissen liefert.
Neue Perspektiven
Gerade bei Brustkrebs bedeutet die Diagnose glücklicherweise längst nicht mehr, dass zwangsläufig eine Katastrophe droht. In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren hat sich in der Medizin enorm viel getan. Wird der Krebs früh erkannt, kann beispielsweise meist brusterhaltend operiert werden. „Außerdem ist die Therapie viel zielgerichteter geworden“, sagt Kiefhaber. Personalisierte Therapie heißt hier das Zauberwort – denn es gibt eben nicht den einen Brustkrebs, sondern viele Formen. Diese Ansätze sind maßgeblich der Grund dafür, dass viel mehr Frauen nach der Diagnose länger und mit besserer Lebensqualität leben als noch vor einigen Jahren.
Vorsorgen und früher erkennen
In Österreich erkranken jedes Jahr rund 5.600 Frauen an Brustkrebs (und übrigens auch einige Männer, sie machen rund 1 Prozent aller Fälle aus). Diagnostiziert wird das unter anderem per Mammografie, einer freiwilligen und kostenlosen Röntgenuntersuchung der Brust. Dazu werden Frauen zwischen 45 und 74 alle zwei Jahre eingeladen, aktuell nehmen etwas über die Hälfte der Eingeladenen teil.
Eine Mammografie kann Leben retten, aber nicht alle Frauen profitieren gleichermaßen davon. Denn neben dem Auffinden von Tumoren gibt es auch falsch positive Befunde, Überdiagnosen und in sehr seltenen Fällen Schäden durch Röntgenstrahlen. Besonders wichtig ist die Untersuchung allerdings für Frauen mit erhöhtem familiären Risiko oder persönlicher Krebs-Vorgeschichte.
Hilfe bei der Entscheidung für oder gegen diese Vorsorge bekommt man zum Beispiel auf frueh-erkennen.at und im Gespräch mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt. Im Rahmen der Mammografie nutzt man heute auch künstliche Intelligenz (KI). Diese Systeme analysieren Bilddaten, erkennen Muster und können dabei helfen, Auffälligkeiten früher oder präziser zu identifizieren.
Ein Team von Expertinnen
Nach einem positiven Befund entnimmt man per Biopsie eine winzige Menge Tumorgewebe. Diese wird dann molekular analysiert, genetische Eigenschaften werden bestimmt, Biomarker gemessen. Auf Basis dieser Ergebnisse diskutiert ein interdisziplinäres Team, welche Therapie sinnvoll ist. „Wir raten den betroffenen Frauen, bei der Suche nach der besten Behandlung nicht nach Hörensagen zu entscheiden, sondern sich an zertifizierte Brustzentren zu wenden – sie sind die richtige Adresse, um nach aktuellen Standards behandelt zu werden“, sagt Kiefhaber.Quantensprünge bei der Therapie
Bis vor einigen Jahren gab es nach der Diagnose meist die feste Abfolge von OP, Chemo- und Strahlentherapie. Dank neuer Tests bieten sich inzwischen bei manchen Brustkrebs-Arten auch gezielte Alternativen an. Auch die Chemotherapie hat sich verändert: Neben klassischen Infusionen zielen heute personalisierte Behandlungen auf ganz bestimmte Eigenschaften der Tumorzellen. In manchen Fällen können die Wirkstoffe oral eingenommen werden, was den Alltag der Betroffenen erleichtert.
Immuntherapien, Antikörper-Wirkstoff-Kombinationen und neue antihormonelle Strategien haben die Behandlung deutlich differenzierter und oft verträglicher gemacht. „Und selbst bei metastasiertem Brustkrebs, also Brustkrebs, der schon gestreut hat, können viele Frauen heute viel länger und mit besserer Lebensqualität überleben als noch vor zehn oder zwanzig Jahren“, sagt Kiefhaber. Auch die Betreuung ist dank speziell geschulter Krankenschwestern, den sogenannten Breast Care Nurses, deutlich besser: Sie stehen den Patientinnen von der Diagnosestellung über die Therapie und auch noch danach beratend zur Seite. Ebenfalls besser als noch vor zehn Jahren ist der Zugang zu anderen Betroffenen über Social Media und damit die Möglichkeit zur Vernetzung untereinander. Das tut gut und ermöglicht den Austausch wichtiger Infos.
Und dann ist da noch die Psyche
Betroffene mit der Diagnose Brustkrebs wissen, wie herausfordernd es ist, mit inneren Widersprüchen umzugehen. Stark sein zu wollen und sich gleichzeitig erschöpft zu fühlen. Dankbar zu sein für gute Prognosen und dennoch voller Angst. Informationen zu brauchen und gleichzeitig Pausen davon. Manchmal sind es die unscheinbaren Dinge, die helfen: verlässliche Gespräche, psychoonkologische Unterstützung, Menschen, die zuhören, ohne zu bewerten. Viel Kraft dagegen kostet die Angst, den Job zu verlieren, denn einen generellen Kündigungsschutz im Krankenstand gibt es in Österreich bisher nicht. „Das muss sich dringend ändern“, sagt Kiefhaber. Auch beim Umgang mit den an Krebs Erkrankten gibt es in vielen Unternehmen noch Entwicklungsbedarf. Die Initiative „Unternehmen Leben!“ der Österreichischen Krebshilfe oder Selbsthilfe-Communitys wie Yeswecan!cer bieten deshalb spezielle Coachings für Arbeitgeber an.
Vorbeugen möglich, aber Schuldgefühle loslassen
Manchmal taucht dann doch die Frage auf: Hätte man die Erkrankung verhindern können? Studien zeigen, dass ein gesunder Lebensstil – nicht rauchen, wenig Alkohol, mediterrane Ernährung, Bewegung, Stressreduktion, Normalgewicht – das Krebsrisiko messbar senken kann. Dr. Hanna Heikenwälder empfiehlt diesen Lebensstil, warnt jedoch ausdrücklich vor dem Umkehrschluss: „Zwar kann jeder etwas tun, aber niemand ist schuld, wenn er oder sie Krebs bekommt.“
Auch Vokabeln wie das „Kämpfen“ gegen den Krebs seien problematisch, heißt es in der Broschüre der Österreichischen Krebshilfe: „Diese kriegerischen Vorstellungen erwecken die (unberechtigte) Hoffnung, dass Kämpfen und positives Denken die Krankheit stoppen oder besiegen können.“ Sie implizieren außerdem fälschlicherweise, dass man selbst schuld sei, wenn man nicht wieder gesund wird.
Vielleicht ist genau das der wichtigste Punkt: Angst verschwindet weder durch Kämpfen noch durch Beschwichtigung. Sondern wird erträglicher durch Verstehen, durch Wissen und das Mitfühlen von Familie, Freunden, Kolleginnen und Kollegen. Brustkrebs ist Teil unserer biologischen Wirklichkeit. Vorsorge ist deshalb kein Blick in den Abgrund, sondern ein Schritt hin zu mehr Wissen. Und eine Diagnose, so schwer sie ist, bedeutet heute auch eines: Es gibt mehr Therapiemöglichkeiten als je zuvor.