Junge Frau zieht weißes T-Shirt nach oben und entblößt ihren Busen, der von einem schwarzen Balken verdeckt wird
Tolle Initiative

Brust abtasten: Discovering Hands hilft

Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Eine Früherkennung erhöht die Heilungschancen – weshalb jede Frau ihre Brust regelmäßig abtasten sollte. Das Projekt Discovering Hands mit blinden Expertinnen kann dabei helfen.

Emine Cam von der Initiative Discovering Hands berührt die Haut anderer Frauen, wenn sie ihren Job ausübt. Konkret tastet sie im Dekollete besonders sensible Stellen ab: die weiblichen Brüste. Dabei geht sie strukturiert vor: Zentimeter für Zentimeter, Reihe für Reihe, Ebene für Ebene. „In der Ruhe und der genauen Zuwendung liegt die Kraft“, sagt sie.

Die 30-Jährige ist von Geburt an stark sehbehindert. Und: Sie arbeitet als Tastuntersucherin bei Discovering Hands, und setzt sie ihren ausgeprägten Spür- und Tastsinn ein, um Brustkrebs bei Frauen ab 40 frühzeitig zu erkennen. Denn ihr fallen schon kleinste Veränderungen im Brustgewebe auf. Die Idee zu der Initiative hatte der deutsche Gynäkologe Frank Hoffmann. Die Begabung von Blinden und Sehbehinderten, die  nachweislich einen hoch entwickelten Tastsinn haben, kann als „Frühwarnsystem“ in der Brustkrebserkennung eingesetzt werden. In Deutschland ist Discovering Hands mittlerweile etabliert, zahlreiche Krankenkassen bezahlen die Zusatzuntersuchung.

Brust abtasten: Was Frauen darüber wissen sollten

Viele Fälle von Brustkrebs entdecken Frauen selbst: Etwa, wenn sie sich unter der Dusche einseifen oder eben bei der Selbstuntersuchung. Bislang hat zwar noch keine randomisierte Studie nachweisen können, dass das Abstasten der eigenen Brust einen Einfluss auf die Sterblichkeit durch Brustkrebs hat. Die Selbstuntersuchung rettet laut Meinung der National Breast Cancer Coalition kein Leben erkrankter Frauen und verhilft Frauen auch nicht dazu, Brustkrebs so früh zu ertasten, dass es einen Einfluss auf ihre Überlebenswahrscheinlichkeit hat.

Dennoch empfehlen die meisten Fachleute, zusätzlich zu Maßnahmen wie Mammographie und Ultraschalluntersuchung, die eigene Brust Monat für Monat abzutasten – weil frau so ein besseres Gespür für ihren eigenen Körper und dessen Veränderungen bekommt. (Die Vagina zum Beispiel ist für viele Frauen ein no-woman’s-land und damit Selbstbefriedigung oft nicht optimal.)

Discovering hands: Zusatzuntersuchung in Österreich etablieren

Als Zusatzuntersuchung zum Mammographiescreening ist dann auch das Projekt Discovering Hands angesiedelt: Blinde und sehbehinderte Frauen unterstützen andere Frauen beim Abtasten der eigenen Brust und somit bei der Brustkrebs-Früherkennung. Vorerst werden die Tastuntersuchungen in Österreich ausschließlich im Rahmen einer Wirksamkeitsstudie durchgeführt. Diese wurde vom Gesundheitsministerium genehmigt. Ziel ist es, die Zusatzuntersuchung durch sehbehinderte und blinde Frauen langfristig in Österreich zu etablieren.

In Österreich dürfen nur Fachleute die Brust abtasten

In Österreich ist das Abtasten der Brust bislang Ärztinnen und Ärzten vorbehalten. Damit Tastuntersucherinnen wie Emine Cam künftig auch außerhalb der Studie den Ärzten zuarbeiten können, müsste ein eigenes Berufsbild unter den medizinischen Assistenzberufen geschaffen werden: das der Medizinisch-Taktilen Untersucherin (MTU). Die Ergebnisse der Studie von Discovering Hands sollen als Grundstein dafür dienen.

Brust abstasten lassen: Gratis bei Discovering Hands

Frauen ab dem Alter von 40 Jahren können kostenlos an der Wirksamkeitsstudie teilnehmen. Voraussetzung dafür ist, dass sie im Rahmen des Programms zur Brustkrebsfrüherkennung den Mammografie-Termin wahrnehmen. Dieser wird alle zwei Jahre von den Kassen finanziert. Möglich ist die Tastuntersuchung derzeit an mehreren Standorten in Wien.

Das Ertasten von Brüsten durch sehschwache Frauen ist wie gesagt kein Ersatz für eine Mammografie, sondern ein zusätzliches Angebot. Die Tastuntersucherin und der zuständige Arzt oder die Ärztin arbeiten im Team – und die abschließende Diagnose stellt auch letztere(r). „Die Tastuntersuchung soll eine sinnvolle und hilfreiche Ergänzung sein, um spezifische Bereiche der Brust eingrenzen zu können, in denen etwas Auffälliges ertastet wurde“, sagt Studienleiter und Brustkrebs-Experte Michael Medl.

So läuft die Tastuntersuchung bei Discovering Hands ab

Die taktile Brustuntersuchung durch blinde oder stark sehbehinderte Frauen dauert rund 30 bis 45 Minuten lang. Die Brüste werden dabei im Sitzen und Liegen abgetastet. Zuvor werden Klebestreifen angebracht, um als „Koordinationssystem“ zu dienen und den Befund der Untersuchung genau nachvollziehbar zu machen.

Brust abtasten durch Tast-Expertinnen: Wer zahlt in Zukunft?

Ob es den Beruf der Medizinisch Taktilen Untersucherin in Österreich künftig tatsächlich geben wird, steht also noch nicht fest. Auch, wer die Untersuchungen finanzieren würde, ist noch offen. Denn Discovering Hands ist zwar ein so genanntes Social Business, aber Fixkosten müssen gedeckt und Gehälter bezahlt werden. Marisa Mühlböck ist jedenfalls überzeugt, dass das Modell auch in Österreich funktionieren kann: „Wir bieten ja eine wertvolle Dienstleistung an – etwas, wofür Patientinnen oder mögliche andere Träger bereit sind zu zahlen.“

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