Kathrine Switzer Originalfotos Boston Marathon 1967
Role Model im Interview

Kathrine Switzer: Dank ihr laufen Frauen heute Marathon

Frauen hatten früher beim Marathonlauf nichts zu suchen. Kathrine Switzer durchbrach die Männerdomäne. Im Interview erzählt sie, wie ihr das gelang.

Es ist der 19. April 1967. Ein kühler, unfreundlicher Tag. In den Startlöchern für den berühmten Boston-Marathon in den USA stehen 740 Männer. Und eine Frau. Nur weiß fast niemand davon. Die 20-jährige Kathrine Switzer hat sich nämlich mit ihren Initialen K. V. Switzer angemeldet. In dieser abgekürzten Form schreibt sie ihren Namen seit ihrer Kindheit. Sie will damit niemand austricksen, das ist reine Gewohnheitssache. Ihre langen Haare sind am diesem kalten Tag von einer warmen Mütze verdeckt. Es ist ihr zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Aber beides hilft ihr, am Marathon überhaupt teilnehmen zu können. Denn der ist traditionell Männern vorbehalten. Die Veranstalter des Rennens bemerken vermutlich gar nicht, dass sie diesmal auch an eine Frau eine Startnummer vergeben haben.

Kathrine Switzer läuft die 42,2 Kilometer in vier Stunden und 20 Minuten. Mit einigen Zwischenfällen. Mit ihrem Willen, ins Ziel zu gelangen, ebnet sie den Weg für Frauen in einer Männerdomäne. activebeauty.at hat die heute 72-jährige Sportlerin zum Interview gebeten. Sie erzählt, wie die Sache damals ablief und wie ihr erster Marathonlauf die Welt ein kleines Stück weit verändert hat.

Warum war es Frauen damals verboten, Marathon zu laufen?

Im Jahr 1967 gab es dazu nicht wirklich Regeln. Aber generell waren fast alle Sportarten den Männern vorbehalten. Frauen nahmen fast nie an Bewerben teil. Viele Leute glaubten: Eine Frau kann rein körperlich keine so weite Distanz schaffen. Oder sie würde sich dabei verletzen. Viele Frauen waren aus diesem Grund auch gar nicht am Marathonlaufen interessiert. Außerdem galt die Meinung, dass herausfordernde Sportarten Frauen männlich machten.

Wie kamen Sie auf die Idee, im Jahr 1967 trotzdem am berühmten Boston-Marathon teilzunehmen?

Ich war einfach eine 20-jährige Frau, die vom Laufen begeistert war. Meine Absicht war es nicht, ein Gender-Statement zu setzen. Mein Ansporn war: Mein damaliger Trainer glaubte nicht daran, dass eine Frau diese Distanz schaffen würde. Erst als mich der Rennleiter während des Laufs angriff und wegdrängen wollte, war ich plötzlich davon überzeugt: Ich will unbedingt ins Ziel gelangen und damit im Namen aller Frauen sprechen.

Der damalige Rennleiter wollte Sie tatsächlich von der Laufbahn drängen, als er sie bemerkte. Was geschah?

Er behauptete, dass das Rennen nur für Männer sei. Er war sehr verärgert darüber, dass ich eine offizielle Startnummer erhalten hatte und verlor die Beherrschung. Dann kam mein damaliger Freund, ein Ex-Footballspieler, und kickte den Rennleiter von der Strecke. Irgendwann später wurden der Rennleiter und ich sogar gute Freunde.

Wie viele Marathons sind Sie seither gelaufen?

42. Zum 50-Jahres-Jubiläum meines ersten Auftritts nahm ich im April 2017 wieder beim Boston-Marathon teil. Im Alter von 70 Jahren. Weil ich mich dabei so stark und gut fühlte, hing ich im November gleich noch den New York City Marathon an. Sechs Monate später, 2018, folgte der London Marathon. Diese drei Läufe zählen zu den wichtigsten in meinem Leben.

Warum? Was bedeutet zum Beispiel der London Marathon für Sie?

Der London Marathon fand zum 100-Jahres-Jubiläum des Frauenwahlrechts in Großbritannien statt. Ich wollte dabei sein und auf denselben Straßen laufen wie die Suffragetten (Anmerkung der Redaktion: Britische und US-Frauenrechtlerinnen Anfang des 20. Jahrhunderts). Das war magisch, vor allem in Begleitung von 20.000 weiblichen Läuferinnen! Darüber hinaus hatte ich im Jahr 1980 den ersten weiblichen Marathon in London organisiert. Es war der Avon Marathon, der den Frauenmarathon in die Olympischen Spiele brachte.

Wie oft waren Sie schon beim Frauenlauf in Österreich?

Vier oder fünf Mal. Ganz ehrlich, ich weiß es nicht mehr genau. Ich war ganz hin und weg, als ich zum ersten Mal beim Österreichischen Frauenlauf mitmachte. Es wurde mir sehr viel Wertschätzung für meine Pionierarbeit entgegengebracht. Die Auszeichnung gehört zu meinen am meisten geschätzten. Es ist eine wunderschöne Skulptur.

Was ist das Besondere am Österreichischen Frauenlauf?

Ich fühle mich speziell geehrt weil ich weiß, dass Ilse Dippmann (Anmerkung der Redaktion: Initiatorin des österreichischen Frauenlaufs) vom New York Mini Marathon inspiriert wurde. Denn ich hatte geholfen, diesen 1972 zu entwickeln. Sie hat ihren Lauf zum besten Frauenlauf weltweit gemacht – daran besteht kein Zweifel. Es ist die ultimative Ehre, wenn jemand deine Vision teilt und sie an die nächsten Generationen von Frauen weitergibt.

Wie sehen Sie die österreichische Laufwelt?

Ich liebe die Laufszene in Österreich. Sie ist freundlich und einladend. Frauen können beim Frauenlauf alles sein, was sie möchten – Konkurrentinnen oder einfach nur laufende oder gehende Teilnehmerinnen. Am meisten mag ich die Stimmung und den Spaß – und die akribische Organisation.

Wie hat Laufen Ihr Leben positiv verändert?

Ich habe im Alter von zwölf Jahren mit dem Laufen begonnen. Also habe ich schon früh bemerkt, dass es mich stark, frei und furchtlos macht. Laufen ist eine bequeme Sache, man braucht nur ein Paar Sportschuhe dafür. Es ist zeiteffizient und macht eine Person schnell fit. Außerdem reduziert es Stress, bringt mich in Verbindung mit meinen eigenen Gedanken und hilft mir dabei, kreativ zu sein.

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