Freiwillig engagieren: 6 Fragen für den Einstieg
Freiwilliges Engagement fördert das soziale Miteinander, die Lebensqualität – und es macht nachweislich glücklich. Doch wie findet man eine Aufgabe, die wirklich zu einem passt, und wie legt man am besten los?
Petra Pongratz ist Geschäftsführerin vom Zentrum für Zivilgesellschaft – Verein füruns und Sprecherin der ARGE Freiwilligenzentren Österreich.
Geht es um freiwilliges Engagement, zählt Österreich zu Europas Spitzenreitern. 3,7 Millionen Menschen über 15 Jahre sind unbezahlt aktiv tätig und leisten damit einen unverzichtbaren Beitrag für die Gesellschaft. Das Satellitenkonto für den Nonprofit-Bereich in Österreich ermittelt je nach Berechnungsart einen jährlichen monetären Gegenwert zwischen 6,7 und 10,1 Milliarden Euro für diese erbrachten Leistungen.
1. Warum soll ich mich engagieren?
„Ganz wichtig ist, dass der Wunsch nach einem Engagement nicht von außen kommt, sondern aus eigenem Antrieb“, sagt Petra Pongratz, Geschäftsführerin von füruns – Zentrum für Zivilgesellschaft und Sprecherin der ARGE Freiwilligenzentren in Österreich. „Es darf nicht aufgrund gesellschaftlichen Drucks oder aus irgendeinem Verantwortungsgefühl heraus passieren. Freiwilliges Engagement lebt nicht davon, perfekt zu sein. Vielmehr geht es um die Freude am Tun.“
Der aktuelle Freiwilligenbericht des Sozialministeriums nennt folgende Hauptmotive für freiwilliges Engagement:
- Anderen helfen (92,9 %)
- Freude an der Tätigkeit (91,8 %)
- Etwas Nützliches zum Gemeinwohl beitragen (84,0 %)
Die Beweggründe haben sich im Vergleich zu früheren Befragungen kaum verändert. Pongratz beobachtet, dass viele überrascht sind, mit welchen Benefits ihr Engagement verbunden ist: „Die Freiwilligen bekommen nicht nur Dankbarkeit und Wertschätzung, sondern sammeln auch neue Erfahrungen und Erkenntnisse. Freiwilliges Engagement ist ein spannender Lernort. Man trifft Gleichgesinnte – und es hält sogar gesund.“
Nicht nur das: Wer sich freiwillig engagiert, ist auch glücklicher mit sich und der Welt. Zu diesem Ergebnis kommt die von Marketagent in Kooperation mit Social Friday und dem Fundraising Verband Austria im vergangenen Jahr durchgeführte Studie. Freiwillige sind deutlich zufriedener mit ihrem Leben als der Durchschnitt der Bevölkerung, sie empfinden mehr Glück und Selbstwert, sind fitter, resilienter und sinnerfüllter. Freiwilligenarbeit fördert also ein aktives soziales Leben, wirkt sich positiv auf die körperliche und mentale Gesundheit sowie auf die Lebensqualität aus.
Darüber hinaus kann Freiwilligenarbeit ein Bonus am Arbeitsmarkt sein. Und es gibt Projekte wie das „Service Learning“, das Schülerinnen und Schülern, Auszubildenden und Studierenden die Möglichkeit gibt, sich im Rahmen ihrer Ausbildung zu engagieren.
2. Was bringe ich mit?
Wer sich einbringen möchte, braucht im Normalfall keine Ausbildung. „Das Wichtigste ist ein ehrliches Interesse für die Tätigkeit“, so Pongratz. Oft kann man etwas auch, ohne einen offiziellen Schein dafür zu besitzen – zum Beispiel, weil man sich eine Sprache selbst beigebracht hat. Geduld und Einfühlungsvermögen sind für den Kontakt mit anderen Menschen gefragt. Interesse an der Natur ist wichtig für ökologische Einsätze, Kreativität und Freude an Kommunikation für kulturelle.Freiwilliges Engagement ergänzt hauptamtliche Tätigkeiten auf vielfältige Art und Weise, und es gibt unglaublich viele Möglichkeiten, zu partizipieren. „Altersheimbesuche, Mentoring, Einkäufe erledigen – die kleinen Dinge verändern unheimlich viel!“ Petra Pongratz möchte Menschen die Scheu nehmen: „Wirklich jede und jeder – egal wie alt, mit oder ohne Beeinträchtigung und welcher Herkunft – bringt etwas Einzigartiges mit. Die Vielfalt ist im Freiwilligen-Sektor ganz essenziell!“
Es gibt Bereiche, für die ganz spezifische Kenntnisse oder Qualifikationen gefragt sind, wie das Rettungswesen oder den Katastrophenschutz. Die Telefonseelsorge oder die mobile Hospiz setzen beispielsweise eine intensive Ausbildung voraus, die aber von den betreffenden Organisationen bereitgestellt wird. Für manche Tätigkeiten, insbesondere für die Arbeit mit Kindern oder Menschen mit Beeinträchtigung, ist ein Strafregisterauszug erforderlich, der für Freiwillige übrigens kostenlos ist.
3. Wie viel Zeit und Energie kann ich investieren?
Bevor man ein Engagement startet, sollte man darüber nachdenken, wie viele Ressourcen man zur Verfügung hat. Wie viel meiner Freizeit kann ich für freiwilliges Engagement abzwacken, wie mobil bin ich? Petra Pongratz rät, lieber klein anzufangen: „Zwei Stunden pro Woche sind ein guter Richtwert. Damit kann man schon viel bewirken – und aufstocken geht natürlich immer.“
Lässt sich eine regelmäßige Tätigkeit, zum Beispiel eine monatliche Vorlese-Stunde im Kindergarten, nicht in den Alltag integrieren, sind vielleicht projektorientierte oder punktuelle Einsätze eine Option. „Freiwilligenarbeit ist viel flexibler geworden. Über die mima-App kann man spontan Aufgaben finden, beispielsweise bei einer Veranstaltung mithelfen oder jemanden bei Amtswegen begleiten“, erklärt Pongratz. Dank Digitalisierung gibt es heute auch zahlreiche Möglichkeiten, sich ortsunabhängig einzubringen: programmieren, Online-Beratung oder digitale Projekte wie die Wheelmap, eine Karte für rollstuhlgerechte Orte.
4. Wo kann ich meine Fähigkeiten am besten einsetzen – oder Neues lernen?
Welche Themen liegen mir am Herzen bzw. in welchem Feld möchte ich mein Wissen ausbauen? Technisch Versierte könnten ihr Geschick im Repair Café einsetzen und dabei kaputten Dingen ein zweites Leben schenken, Musikbegeisterte ihre Leidenschaft in Chören oder Tanzgruppen weitergeben und Frühaufsteher wären doch ideale Schülerlotsen. Ob soziale Nähe, Chancengleichheit oder Umwelt – Hilfe wird überall benötigt.
Viele freuen sich, wenn sie ihr Wissen und ihre Erfahrung weitergeben können, manche wollen im Engagement aber auch explizit etwas Konträres zu ihrer Haupttätigkeit machen. „Man kann das natürlich nicht pauschal sagen, aber Pensionistinnen und Pensionisten geben gern ihren Erfahrungsschatz weiter. Jüngere suchen im Engagement durchaus auch einen Ausgleich zum Brötchen-Job oder nutzen es zur Orientierung für die Ausbildung oder den Beruf“, so die Expertin.
5. Wie finde ich meine Aufgabe?
Die Einsatzmöglichkeiten für freiwilliges Engagement sind schier grenzenlos. Ein großer Teil der Freiwilligenarbeit (36,7%) passiert in Österreich informell, das heißt, ohne Organisation oder Verein im Hintergrund. Das sind meist Tätigkeiten der Nachbarschaftshilfe wie Kinderbetreuung, Gartenarbeiten oder Fahrtendienste.
Wer noch keine konkrete Vorstellung davon hat, wie er oder sie sich einsetzen möchte, kann die Plattform freiwillig-engagiert.at als Inspirationsquelle nutzen. Sie nennt 19 verschiedene Engagementbereiche samt Beschreibung und konkreter Beispiele. Online-Tests können dabei helfen herauszufinden, welcher Engagement-Typ man ist.
Danach empfiehlt Pongratz ein persönliches Beratungsgespräch. Über die Servicestelle kann man einen Termin bei einem der 21 regionalen Freiwilligenzentren vereinbaren. In Regionen, wo es keine gibt, übernehmen Organisationen die Beratung, die unabhängig vermitteln. Beraten lassen kann man sich auch, wenn man selbst eine Initiative starten möchte. Wer schon genau weiß, wie er anpacken möchte, darf gern direkt mit der gewünschten Organisation Kontakt aufnehmen.
Pongratz rät außerdem dazu, Schnuppermöglichkeiten wahrzunehmen. „Auch wenn man gut beraten wurde, muss man den Bereich erst kennenlernen.“ Die gute Nachricht ist: Man kann nichts falsch machen. Denn selbst wenn es nicht das Richtige für einen ist, kann man von der Erfahrung profitieren – und etwas Neues ausprobieren. „Es ist mir ein Anliegen, dass diese Leute nicht glauben, freiwilliges Engagement sei nichts für sie.“ Die Expertin betont außerdem: „Im Gegensatz zur Erwerbsarbeit, wo man auch Aufgaben nachgehen muss, die keinen Spaß machen, soll einem ein Engagement zu 100 Prozent ein gutes Gefühl geben. Es darf nicht belasten oder überanstrengen.“
6. Wo kann ich mich informieren?
- Servicestelle für freiwilliges Engagement in Österreich: freiwillig-engagiert.at
- Plattform des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz: freiwilligenweb.at
- „Tinder für Freiwillige“: mima-App
- Podcasts zum Thema: „Vol on Air“, „Engagierte Stimmen“, „Freiwilligenfunk“
- Erhebung zum Freiwilligenengagement in Österreich: Freiwilligenbericht 2022
- Im Mai 2026 findet die nächste Freiwilligen-Messe in Wien statt