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Laura Leyser: Weil jeder Mensch ein Recht auf Hilfe hat
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Vorbild

Laura Leyser: Weil jeder Mensch ein Recht auf Hilfe hat

Als „International Secretary General“ steht Laura Leyser an der Spitze der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen und koordiniert die weltweite Arbeit in den globalen Krisengebieten. Hier erzählt die Mutter einer achtjährigen Tochter und eines 13-jährigen Sohnes, wie nahe ihr besonders das Leid der Kinder geht, und warum sie schon als kleines Mädchen beschlossen hat, für mehr Gerechtigkeit zu kämpfen.

Ihr Ziel: die gesundheitliche Versorgung von Menschen in den ärmsten Regionen der Welt. Laura Leyser (45) war über sieben Jahre Geschäftsführerin von Ärzte ohne Grenzen Österreich, seit März steht sie als „International Secretary General“ an der Spitze der Hilfsorganisation in Genf, koordiniert die weltweite Arbeit in den vielen globalen Krisengebieten.

Sie engagieren sich Ihre ganze Karriere lang für humanitäre Ziele. Gab es dafür ein Schlüsselerlebnis?

Mein Vater stammt aus Argentinien, und ich bin schon als Volksschulkind außerhalb Europas gereist. Wir haben Verwandte in Uruguay besucht und andere Länder in Südamerika kennengelernt. Dort habe ich sehr früh gesehen, dass es nicht allen Menschen so gut geht wie mir. Dass nicht alle das Glück haben, zufällig da geboren zu sein, wo es Sicherheit und genug zu essen gibt, hat mich sehr berührt. Ich dachte: Ich möchte etwas dazu beitragen, dass alle Kinder eine Chance auf ein gutes Leben haben. Ich habe deshalb Entwicklungsmanagement sowie Sozial- und Kulturanthropologie studiert, um später in der humanitären Hilfe arbeiten zu können. Ich war zwar nach dem Studium kurz in der Privatwirtschaft. Aber mein Herz schlug immer für Arbeit mit Sinn, auch wenn das finanzielle Einschnitte bedeutet.

Sie waren in vielen Ländern im Einsatz. Was hat Sie besonders geprägt?

Ich habe längere Zeit in Mosambik und Nepal für die Austrian Development Agency und das britische Entwicklungsministerium gearbeitet. Während des Erdbebens 2015 lebte ich mit meiner Familie in Nepal. Das war ein lebensveränderndes Erlebnis für uns alle. Wir waren selbst nicht direkt betroffen, aber dieses Ausmaß an Zerstörung vergisst man nie.

Was geht Ihnen immer wieder nah?

Mit Ärzte ohne Grenzen habe ich später viele Brennpunkte besucht: Irak, Elfenbeinküste, Tschad, Sudan. Kinder und Babys sterben zu sehen, weil sie am falschen Ort geboren wurden und medizinisch nicht versorgt werden, trifft mich, seit ich selbst Mutter bin, noch mehr. Die Dankbarkeit, dass meine eigenen Kinder in Sicherheit aufwachsen dürfen, geht mit großer Traurigkeit über diese Ungerechtigkeit einher. Was mich beeindruckt: Selbst wenn alles zerstört ist, sieht man Menschlichkeit und Solidarität. Menschen helfen einander, obwohl sie sich nicht kannten. Das gibt mir die Kraft, immer weiterzumachen.

Wie gelingt es Ihnen, Familie und diesen Beruf zu verbinden?

Es ist ein ständiger Balanceakt, wir brauchen viel Flexibilität, Verständnis und müssen auch Chaos aushalten. Ich habe ja schon mal zwei Jahre in London gearbeitet und bin gependelt, nach meiner Zeit in Wien bin ich jetzt im neuen Job wieder halb in Genf, halb in Österreich. Ich habe das große Glück, einen Mann zu haben, der mich darin unterstützt, meinen Traumberuf zu leben und der auch bereit war, traditionelle Rollenbilder zu durchbrechen. Er ist Psychologe und Psychotherapeut, das bringt einige Flexibilität mit sich. Unsere Kinder fragen mich manchmal: „Mama, warum bist du so viel weg?“ Das tut weh.

Ärzte ohne Grenzen arbeitet nach klaren humanitären Prinzipien. Was bedeutet das konkret?

Unser Grundsatz ist: Jeder Mensch hat ein Recht auf medizinische Nothilfe, unabhängig von Herkunft, Religion oder politischer Zugehörigkeit. Unsere Arbeit basiert auf drei Pfeilern: Unabhängigkeit, Unparteilichkeit und Neutralität. Unabhängigkeit heißt, dass unsere Entscheidungen ausschließlich auf medizinischem Bedarf beruhen, nicht auf politischen oder wirtschaftlichen Interessen. Unparteilichkeit bedeutet, wir helfen dort, wo die Not am größten ist, egal auf welcher Seite eines Konflikts. Neutralität heißt, wir stellen uns auf keine Seite, sondern immer auf die unserer Patientinnen und Patienten.

Es gibt auch die Regel „Témoignage“ oder „Speaking out“, was ist damit gemeint?

Wir legen Zeugnis ab. Wenn wir Missstände sehen, sprechen wir darüber. Medizinische Hilfe allein reicht oft nicht, man muss auch die Ursachen benennen. Ich vergleiche das manchmal mit der Feuerwehr: Wir löschen Brände, aber wir müssen auch über die Ursachen reden.

Kann man das an einem Beispiel verdeutlichen?

Ja, etwa am Sudan. Dort gibt es zwei Konfliktparteien, die beide schwere Verbrechen an der Zivilbevölkerung begehen. Für uns ist klar: Wir helfen den Betroffenen auf beiden Seiten, aber wir weisen auch auf das Unrecht hin. Der Sudan ist derzeit Schauplatz einer der größten humanitären Krisen weltweit und bekommt trotzdem viel zu wenig Aufmerksamkeit. Es gibt viele solcher Brennpunkte, für die kein oder kaum öffentliches Interesse besteht: In Haiti sind aktuell 1.800 Mitarbeitende von uns. Sie versorgen immer mehr Menschen, es gibt dort zunehmend sexualisierte und geschlechtsspezifische Gewalt. Die Lage verschlechtert sich ständig. Aber unsere mobilen Kliniken müssen aufgrund der volatilen Sicherheitslage immer wieder vorübergehend ausgesetzt werden.

Wie gefährdet sind Ihre Teams in den Einsatzgebieten?

Die Sicherheit unserer Mitarbeitenden hat oberste Priorität. Trotzdem arbeiten wir oft in Gegenden, in denen es keinen wirklich sicheren Ort mehr gibt, etwa in Gaza. Leider kommt es in den letzten Jahren verstärkt zu völkerrechtswidrigen Angriffen auf medizinische Einrichtungen sowie auf humanitäre Helferinnen und Helfer. Das ist ein alarmierender Trend.

Es gibt derzeit so viele Kriege. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Der humanitäre Bedarf weltweit steigt, durch Konflikte und durch die Klimakrise. Gleichzeitig gibt es immer weniger finanzielle Mittel für humanitäre Hilfe. Wir sind selber nicht direkt von Kürzungen betroffen, weil wir ja kaum öffentliche Gelder nehmen. Wir sind privatspendenfinanziert, um unsere Unabhängigkeit zu wahren. Aber in unseren Einsatzgebieten entstehen immer mehr Lücken, weil immer weniger Organisationen tätig sind. Das bedeutet mehr Leid und mehr Todesfälle.

Hinzu kommen die Klimakrise und extreme Wetterbedingungen.

Ja, es gibt mehr Naturkatastrophen, schwere Wirbelstürme, Überflutungen, Dürre oder extreme Hitze, die kaum mehr auszuhalten ist. Was besonders die Menschen in unseren Einsatzgebieten betrifft, weil sie ohnehin in vulnerablen Situationen leben. So war etwa in Gaza der Winter ungewöhnlich kalt und nass. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt in provisorischen Zelten aus Planen und Stoffresten. Kinder wurden krank, Babys sind sogar an Unterkühlung gestorben. Wir sehen sehr viele schwere Atemwegsinfektionen und Durchfallerkrankungen, weil die hygienischen Bedingungen so schlecht sind.

Gibt es in Ihrem Arbeitsalltag nur schlechte Nachrichten?

Wir haben auch gute, etwa im Bereich der Forschung. Wir konnten zum Beispiel in Honduras Mücken freisetzen, die ein spezielles Bakterium tragen, wodurch die Übertragung von Dengue-Viren reduziert wird. Auch konnten wir, zusammen mit anderen Organisationen, ein wirksames Medikament gegen die tödliche Schlafkrankheit entwickeln.

Wie sehen Ihre Ziele für die Zukunft aus?

Ich möchte dazu beitragen, dass wir trotz aller Herausforderungen handlungsfähig bleiben. Und dann habe ich noch ein kleines persönliches Ziel: Ich möchte als Role-Model Frauen unterstützen, trotz Familie ihren beruflichen Weg zu gehen. Auch wenn meine Kinder manchmal traurig sind, dass ich so viel unterwegs bin, sind sie doch stolz auf mich. Wenn man meine achtjährige Tochter fragt, was sie werden will, sagt sie: „Chefin von Ärzte ohne Grenzen – oder Popstar.“

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