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Wunderelixier Periodenblut: Erstaunliche Fakten aus der Forschung
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Faszinierend

Wunderelixier Periodenblut: Erstaunliche Fakten aus der Forschung

Monat für Monat landet das Periodenblut von 1,8 bis 1,9 Milliarden Mädchen und Frauen ungenutzt in der Toilette oder im Müll. Dabei bietet es ungeahnte Chancen für die Medizin. Wir haben spannende Fakten aus der Forschung rund um die Menstruation zusammengetragen.

Der Mythos vom giftigen Periodenblut

In der Kulturgeschichte der Menschheit hat das Menstruationsblut keinen guten Ruf. In vielen Religionen und Kulturen galt es als unrein. Menstruierende Frauen wurden von vielen gesellschaftlichen Ereignissen ausgeschlossen. Sie standen im Verdacht, Spiegel zu trüben, Metall zum Rosten und Pflanzen zum Verdorren zu bringen. Der römische Gelehrte Plinius bezeichnete Periodenblut sogar als Gift. Der Arzt Béla Schick erfand dafür im 19. Jahrhundert den Begriff „Menotoxin“. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der Mythos vom Menstruationsgift ernsthaft wissenschaftlich diskutiert. Erst 1958 widerlegten Fachleute diesen Aberglauben.
Lesen Sie in unseren Beiträgen, wie wir mithilfe von „Period Positivity“ die Menstruation aus der Tabuzone holen und warum wir „Period Shaming“ beenden sollten.
Wie man heute weiß, lag die Wissenschaft in Bezug auf Periodenblut jahrhundertelang weit daneben. Denn das abgestoßene Gewebe und Blut bietet enorme Chancen für die Medizin und Gesundheitsversorgung. ACTIVE BEAUTY hat sich angesehen, welche vielversprechenden Ansätze Forscherinnen und Forscher verfolgen.

Warum hat sich die Menstruation entwickelt?

Von den rund 5.500 bekannten Säugetierarten menstruieren nur etwa ein bis eineinhalb Prozent. Neben dem Menschen sind das ein paar Arten bei den Affen, den Fledermäusen und den Nagetieren. Eine Übersichtsarbeit von 2020 zählte gerade einmal 84 Spezies. Menstruierende Arten sind an sehr unterschiedlichen Stellen des Stammbaums der Säugetiere zu finden. Die Evolutionsbiologie geht daher davon aus, dass sich die Periode mehrmals unabhängig voneinander entwickelt haben muss. Doch warum eigentlich?

Kurz gesagt: Eine verdickte, sich verändernde Gebärmutterschleimhaut ist sowohl für den Embryo als auch für die Mutter ein Benefit. Die Menstruation ist lediglich der (manchmal auch unangenehme bis schmerzhafte) Nebeneffekt dieses evolutionären Vorteils.

Viele Säugetiere, wie etwa die Hasen, haben gar keine Menstruation. Denn ihr Eisprung findet erst nach der Paarung statt. Andere wiederum „recyceln“ ihre Gebärmutterschleimhaut (Endometrium), indem sie vom Körper zurückgebaut und wieder aufgenommen wird. Bei den Menschen ist das nicht möglich – die aufgebaute Schleimhaut ist schlichtweg zu dick. Und das hat einen guten Grund: Während bei vielen Säugetieren der Embryo nur an der Oberfläche des Endometriums haftet, gräbt er sich beim Menschen tiefer in die Schleimhaut ein und profitiert so von einer besseren Energieversorgung.

Aber auch für die Mütter gibt es einen Vorteil, den die Evolutionsbiologin Deena Emera herausgearbeitet hat. Das Endometrium menstruierender Arten baut sich während des Zyklus nicht nur auf, sondern verändert sich währenddessen auch in seiner Beschaffenheit. Diese Umwandlung nennt man „spontane Dezidualisierung“. Sie ermöglicht es der befruchteten Eizelle, sich einzunisten – allerdings nicht zu tief, denn dann wäre der mütterliche Organismus gefährdet. Der Organismus einer Schwangeren kann dem Embryo seine Ressourcen nicht unkontrolliert zur Verfügung stellen. Zudem besteht das Risiko starker Blutungen, wenn die beiden Blutkreisläufe von Embryo und Mutter zu eng miteinander verbunden sind.
Lesen Sie hier Tipps für den Alltag während der Periode. Zum Beispiel lassen sich mit Kräutern für die Periode Regelbeschwerden lindern. Hier erfahren Sie, wie Ernährung passend zum Zyklus jede Phase unterstützt.

So unterscheidet sich Periodenblut von „normalem“ Blut

Menschliches Menstruationsblut unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht vom systemischen bzw. venösen Blut.
  • Systemisches Blut gerinnt bei Wunden, um größeren Blutverlust zu vermeiden. Periodenblut hingegen soll ungehindert abfließen. Deshalb enthält es andere Gerinnungsstoffe.
  • Venöses Blut besteht vor allem aus roten und weißen Blutkörperchen, Plasma und Blutplättchen. Menstruationsblut enthält außerdem noch Gewebe des Endometriums.
  • Zudem finden sich in Periodenblut einzigartige Stammzellen und Proteine, die systemisches Blut nicht aufweist.

3 Erkenntnisse aus der Forschung zu Periodenblut

Obwohl der monatliche Zyklus so alt ist wie die Menschheit selbst, steckt die Forschung zu Periodenblut noch in den Kinderschuhen. Das liegt unter anderem am Gender-Gap, der nicht nur Berufsleben und unbezahlte Care-Arbeit betrifft, sondern auch Medizin und Forschung. Beispielsweise wurden in den 2010er-Jahren rund 15.000 wissenschaftliche Arbeiten zu Sperma veröffentlicht – und lediglich rund 400 zum Thema Menstruationsblut.

Dabei ist Periodenblut alles andere als ein monatliches Abfallprodukt des weiblichen Körpers: Es ist eine spannende Forschungsgrundlage für regenerative Therapien. Zudem kann es relevante Daten über den Gesundheitszustand der menstruierenden Frau liefern.

Periodenblut enthält Stammzellen mit enormem Potenzial

Die Gebärmutterschleimhaut baut sich Monat für Monat neu auf. Dieser Prozess wird als „selbstregenerativ“ bezeichnet. Kein anderes Gewebe im menschlichen Körper wächst so schnell und ist so dicht von Blutgefäßen durchzogen. Möglich wird das durch bestimmte Stammzellen.

Amerikanische Forscherinnen und Forscher fanden 2007 im Menstruationsblut von Frauen eine neue Art von Stammzellen, die sich zu mindestens neun Gewebearten entwickeln können. Die Zellen stammen aus der Gebärmutterwand, die während der Periode besonders gut durchblutet ist. Im Labor teilten sie sich 68-mal schneller als Stammzellen, die aus der Nabelschnur gewonnen wurden. Fünf Milliliter Periodenblut einer gesunden Frau erbrachten ausreichend Zellen, um nach zwei Wochen in einer Zellkultur schlagende Herzmuskelzellen zu bilden.

Stammzellen aus Periodenblut zu gewinnen, hat gleich zwei Vorteile gegenüber der konventionellen Gewinnung von Stammzellen aus Knochenmark. Sie lassen sich schmerzfrei, nicht-invasiv und einfach entnehmen. Zudem sind die Stammzellen aus Menstruationsblut von Natur aus dafür geschaffen, Blutgefäße zu bilden – während Knochenmark-Stammzellen dies nur schlecht können. Das macht Stammzellen aus Periodenblut besonders interessant für die Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und von Durchblutungsstörungen.

Zudem besitzen die Stammzellen aus Periodenblut entzündungshemmende Eigenschaften, Fähigkeiten zur Immunregulation sowie ähnliche regenerative Fähigkeiten wie Stammzellen aus der Nabelschnur. Bei Mäusen konnten sie in einer Studie aus dem Jahr 2022 sogar Symptome von Multipler Sklerose lindern. Forschende erhoffen sich auch Durchbrüche bei der Behandlung von Arthrose. Erste Ansätze dazu lieferte eine Studie aus dem Jahr 2023.

Periodenblut könnte die Wundheilung revolutionieren

Während der Periode ist die basale Schicht der Gebärmutterschleimhaut eine offene Wunde, die sich in der nächsten Zyklusphase, der Proliferationsphase, regeneriert. Ein internationales Forschungsteam hat im Menstruationsblut 385 Proteine festgestellt, die zur Wundheilung beitragen.

2018 veröffentlichte ein Team an der University of Adelaide Ergebnisse aus einer Studie dazu, wie sich Plasma aus Periodenblut für die Behandlung von Wunden einsetzen lässt. In einer Petrischale züchteten sie eine Zellschicht aus menschlicher Haut. In diese stachen sie gezielt Löcher, die sie mit dem Plasma auffüllten. Am Folgetag waren die Löcher zu 100 Prozent verschwunden – geheilt durch das Periodenblutplasma. Bei einem Vergleich mit venösem Blutplasma stellte sich heraus, dass dieses die Wunden nur zu 40 Prozent heilen ließ.

Forschungsarbeiten wie diese machen große Hoffnung für die Behandlung von Brandopfern sowie Menschen mit Diabetes, die eine langsamere Wundheilung aufweisen.

Periodenblut dient der Früherkennung von Krankheiten

Krankheiten wie Entzündungen oder bestimmte Tumore führen dazu, dass sich im Blut spezielle Proteine nachweisen lassen. Diese werden in der Wissenschaft „Biomarker“ genannt. Auch im Periodenblut lassen sich solche Biomarker feststellen. Der Vorteil: Menstruationsblut lässt sich einfach gewinnen und könnte Frauen unangenehme, invasive und zudem teure Untersuchungen ersparen.

Beispielsweise lassen sich Humane Papillomaviren, die Gebärmutterhalskrebs verursachen können, in Periodenblutnachweisen, wie der Gynäkologe Paul Blumenthal von der Stanford University in einer Studie aus dem Jahr 2022 zeigte. Auch Hämoglobin A1c (HbA1c) lässt sich durch Menstruationsblut bestimmen. Der HbA1c-Wert ist ein wichtiger Indikator zur Diagnose von Diabetes.

2025 entwickelten Schweizer Forschende eine smarte Binde namens „MenstruAI“, die verschiedene Biomarker im Periodenblut erkennen kann. Derzeit lassen sich Hinweise auf Entzündungen, Eierstockkrebs und Endometriose erfassen. Die Binde ist mit einem Teststreifen ausgestattet, der bei Kontakt mit Periodenblut einen farbigen Indikator erscheinen lässt – ähnlich wie bei Schwangerschaftstests. Der Indikator lässt sich mit bloßem Auge oder mit einer speziell dafür entwickelten App ablesen. Die Binde soll zukünftig zur Früherkennung eingesetzt werden – insbesondere Frauen in Ländern mit einem schlecht ausgebauten Gesundheits- und Vorsorgesystem könnten davon profitieren.
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