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Im Gespräch mit Kabarettstar Thomas Stipsits

Interview

Im Gespräch mit Kabarettstar Thomas Stipsits

Im Gespräch: Umjubelter Kabarettist, Bestsellerautor, gefeierter Schauspieler, begnadeter Musiker: Thomas Stipsits ist ein wahrer Publikumsliebling – auch wegen seiner authentischen Art.
Im Interview spricht Thomas Stipsits frei von der Leber, offen, ehrlich und unverblümt über die Höhen und Tiefen der vergangenen Monate, über das schöpferische Ergebnis seiner Auszeit und worüber er – der von Berufs wegen Menschen zum Lachen bringt – sich selbst herzhaft amüsieren kann.


Herr Stipsits, Sie haben eine intensive Zeit hinter sich. Sie sprechen aktuell sehr offen über Ihr Burn-out und Ihre Rehatherapie. Wie fühlt es sich an, als öffentliche Person sein Innerstes nach außen zu kehren?

Ganz gut, weil ich diesen Schritt bewusst gewählt habe. Ich rede über ein Thema, das in unserer Gesellschaft oft noch hinter vorgehaltener Hand besprochen wird. Mit ist es ganz wichtig, dass man sich nicht fragen muss: Was denken jetzt die Leute über mich, wenn ich so was habe. Denn ich will ja, dass es mir besser geht, und es ist, auf Deutsch gesagt, komplett schnurzegal, was die anderen Leute denken, wenn ich mit solchen Erkrankungen zu kämpfen habe.
Was das Innerste nach außen kehren betrifft: Ich mache ja so was schon seit Jahren mehr oder weniger auf der Bühne. Wenn man so jemand ist wie ich, der relativ offen durchs Leben geht, ohne verschränkte Arme vor der Brust im übertragenen Sinne, dann ist man natürlich für beide Dinge empfänglich: für die negativen wie auch für die guten Sachen. Dadurch erfährt man halt die Liebe, die Liebesbekundungen sehr viel intensiver, aber halt auch die seelischen Verletzungen.


Ihre personifizierte Angst trägt den Namen Huber. Was sagt „der Huber“ zu Ihrer Offenheit?

Der Huber war am Anfang natürlich nicht so erfreut über meine Offenheit, aber ganz ehrlich: Ich bin ja auf der anderen Seite froh, dass es den Huber gibt. Weil die Angst ist ja auch ein positiver Motor, um uns vor gefährlichen Dingen zu schützen. Wir haben ja ein sehr intelligentes Gehirn, und wenn Dinge bedrohlich werden, dann sagt es uns, oder der Huber, oder wer auch immer: Du musst raus aus dieser Situation. Das kann natürlich großen Schaden abwenden. Das Problem ist, dass der Huber sich in Sachen einmischt, die ihn ehrlich gesagt nichts angehen, und Dinge, die überhaupt keine Angst verbreiten, plötzlich zu Problemen werden: einkaufen gehen, im Tunnel fahren, Lift fahren und so weiter. Da kann man dem Huber immer wieder sagen: „Schön, dass es dich gibt. Ich weiß, du bist ein Teil meines Lebens, aber jetzt momentan – zum Beispiel auf der Bühne – bist du nicht eingeladen. Das ist mein Abend und du wartest bitte vor der Tür draußen. Du kannst aber morgen gerne wieder zu mir kommen, weil (und das ist etwas, wovon ich wirklich versuche, es für mich zu imaginieren) du ein Teil meines Lebens bist.“
So wie viele Menschen, die mit Angst und Panik zu tun haben, habe ich einen gewissen Respekt davor, dass man spürt, es kann auch immer wieder kommen und man muss sich um Gottes Willen nicht dafür schämen.


In einem Interview sagten Sie: „Es ist ja so absurd: Was ich am meisten liebe, davor habe ich am meisten Angst.“ Wie gelingt Ihnen dieser Drahtseilakt?

Das ist natürlich absurd, dass man vor Dingen Angst hat, die man eigentlich gerne hat. Und hier kommt etwas sehr Gemeines dazu, dass der Huber oder die Hubers dieser Welt sehr gut beherrschen: die Phobophobie – die Angst vor der Angst – und in so einen Gedanken kann man sich wunderschön hineinmanövrieren. Das bedeutet: Bevor ich ins Auto einsteige, habe ich schon Angst, dass die Angst wieder bald kommt. Dann fährt man eine Strecke von 50 Kilometer, und ab Kilometer eins wartet man schon: So, wann kommt das jetzt? Das muss ja jetzt kommen. Wieso kommt das jetzt nicht? Und manchmal ist es eine richtige Erleichterung, wenn sie dann kommt, und das ist natürlich das komplett Absurdeste. Weil man dann während dieser Autofahrten, oder was auch immer man tut, nur damit beschäftigt ist, an diesen Angstgedanken zu denken. Und da hat mir geholfen zu sagen: Das ist nur ein Gedanke – es ist nicht mehr oder weniger. Es ist nur ein Gedanke, der bei einem selbst im Hirn plötzlich daherkommt. Und man kann lernen – das ist zwar leichter gesagt als getan – aber man kann lernen, diesen Gedanken auch ziehen zu lassen. Dass man sich sagen kann: „In diesem Moment gibt’s keine Bedrohung für mich.“ Ich bin nach wie vor dabei, das in meinem Leben zu integrieren. Manchmal funktioniert es besser, manchmal schlechter. Es ist aber nicht mehr so, dass es mich komplett umhaut.

 

Sie haben Ihre Bühnenpause genutzt, um den neuen Stinatz-Krimi „Eierkratz-Komplott“ zu schreiben. Was hat Sie dazu inspiriert?

Beim Stinatz-Krimi war es so: Inspiriert haben mich natürlich meine Erfahrungen aus der Kindheit. Ich habe ja alle Ferien immer in Stinatz verbracht und ich habe dadurch ganz viele Bräuche oder liebevolle Eigenheiten des Ortes mitbekommen. Der dritte Krimi behandelt das Thema „Eierkratzen“, also Ostereier kratzen. Das ist ein sehr, sehr alter Volksbrauch. Ich würde sagen, das ist ein Kunsthandwerk, das nur noch von ganz wenigen Damen in Stinatz ausgeführt wird. Unter anderem hat das meine Oma bis vor zwei Jahren noch sehr, sehr aktiv betrieben. Das bedeutet, sie hat schon nach Heilige Drei Könige mit dem Eierkratzen begonnen, damit sich bis Ostersonntag alles ausgeht. In meinem Fall war es so, dass ich, als ich beschlossen habe, diese Pause zu machen, das Buch ja schon mehr oder weniger fertig aufs Handy gesprochen hatte. Ich spreche alle Dialoge aufs Handy, es war also alles schon drauf, aber ich war nicht mehr in der Lage, es runterzutippen. In der Rehaklinik habe ich dann drei Wochen lang wirklich jede freie Minute im Wald verbracht, und plötzlich kamen wieder kreative Gedanken. Ich habe mir dann für die therapiefreien Stunden attraktive Ziele geschaffen und Tagespensen gesetzt, was ich erreichen möchte. Und dann kam die Leichtigkeit des Schreibens wieder, und es hat irrsinnig Spaß gemacht, das dort fertigzustellen.

Apropos Kindheit und Alter – obwohl Sie erst 38 Jahre alt sind, werden Sie oft älter geschätzt. Nervt oder kränkt Sie das?

Nein, das nervt mich eigentlich nicht und kränkt mich auch nicht. In meiner Jugend war es so, dass ich dadurch viele Vorteile hatte. Zum Beispiel bin ich in Kinofilme, die erst ab 16 waren, leichter reingekommen. Und jetzt denk ich mir: Naja, ich bleib ja so. Ich schau jetzt aus wie 46, aber ich werde wahrscheinlich mit 60 auch noch so ausschauen. Zumindest rede ich mir das ein.


Fühlen Sie sich wie 38? Und: Was macht für Sie einen 38-Jährigen aus?

Das ist eine gute Frage. Ich meine, es hat sich emotional schon sehr viel verändert, wie man das Leben sieht, natürlich auch durch die Kinder. Da ändert sich extrem viel in der Wertevorstellung, da erzähle ich sicher nichts Neues. Alle, die Kinder haben, werden gut verstehen, wie das ist. Die Risikobereitschaft war natürlich mit 18 oder 20, 25 viel höher als jetzt beziehungsweise kommt immer öfter der Gedanke: „Ich kann diesen und jenen Blödsinn auslassen.“ Dadurch, dass ich im Laufe meiner beruflichen Karriere immer mit älteren Kolleginnen und Kollegen zu tun hatte, wird es langsam interessant, dass ich jetzt in ein Alter komme, wo es jetzt schon viele jüngere Kolleginnen und Kollegen gibt. Das war lange Zeit bei mir nicht so. Ich würde aber auf jeden Fall sagen: Den Rock ’n’ Roll gibt’s nach wie vor in meinem Leben, aber die Tour dauert nicht mehr 365 Tage, sondern vielleicht eher nur zehn.


Was mögen Sie an diesem Alter oder worauf könnten Sie getrost verzichten?

Was ich wirklich mag am Alter ist diese zunehmende Gelassenheit. Das klingt jetzt ein bisschen klischeebehaftet, aber man wird im Alter einfach ruhiger. Es relativieren sich auch so viele Dinge, vor allem mit den Kindern. Also, ich kann auf dieses „Wir leben nur im Moment und alles, was morgen passiert, ist egal“ größtenteils gut verzichten. Das ist schon schön, dass man in diesem Alter nicht mehr so planlos durchs Leben zieht und dass es einfach auch andere Aufgaben im Leben gibt, abseits der Bühne. Weil mit 20 war für mich nur die Bühne wichtig oder der Beruf und sonst gar nichts. Da bin ich schon froh, dass sich das geändert hat.


Bühne ist ein gutes Stichwort: Kommen Sie eigentlich gut damit zurecht, dass Ihr Publikum Ihretwegen (Lach-)Falten bekommt?

Naja, deswegen macht man’s ja, dass das Publikum Lachfalten bekommt. Beim Lachen werden ja ganz viele Muskeln aktiviert (lacht). Es ist ja die Motivation, um auf die Bühne zu gehen, Bücher zu schreiben oder Filme zu drehen, dass das Publikum, das das konsumiert, in dieser Zeit abschalten kann beziehungsweise eine schöne Zeit hat. Das sehe ich als eine meiner großen Aufgaben.


Wie fühlt es sich an, wenn Ihnen während Ihrer Auftritte tosender Applaus entgegengebracht wird? Welche Gefühle durchströmen in diesem Moment Ihren Körper?

Tosender Applaus ist schwer in Worte zu fassen. Das hat schon was mit einem Rauschzustand zu tun, weil das ein Moment ist, in dem alles richtig ist. Gleichzeitig finde ich arg, dass es aber auch Schall und Rauch ist: Denn nach einem super Abend geben dir die Leute mit ihrem tosenden Applaus das Gefühl: „Danke für den Abend“. Sie tragen dich sprichwörtlich auf Händen. Dann geht man in die Garderobe, kommt zehn Minuten später zurück, der Saal ist leer und es ist in Wahrheit nichts mehr davon da, was man kurz davor noch erlebt hat. Insofern habe ich gelernt, einen Schlussapplaus auch wirklich zu genießen, denn es ist nur ein kurzer Moment.


Über wen können Sie selbst so richtig herzhaft lachen?

Richtig herzhaft lachen kann ich mit meinen Kindern! So anstrengend sie auch sein können, und ich kann mich auch herzhaft über sie ärgern, aber ich habe noch nie über jemanden so gelacht – also nicht ausgelacht, sondern mitgelacht – als über meine Kinder.


Abschließend noch ein kurzer Blick in die Zukunft: Wie wird Thomas Stipsits mit 70 sein?

Mit 70 bin ich in Griechenland. Das ist ein großes Ziel von mir, und ich teile diese Leidenschaft mit meinen Kollegen und Freunden Schiffkowitz und Gert Steinbäcker, die sich auch im Alter ein bisschen nach Griechenland zurückgezogen haben und dann wirklich nur mehr sporadisch in der Öffentlichkeit waren. Das könnte ich mir für mich auch sehr, sehr gut vorstellen: Mit 70 auf der Insel zu sein, ein bissl Paradeiser anbauen und ein sehr beschauliches Inselleben zu führen.

Buchtipp

Die Eier sind gefärbt, die Messer sind gewetzt – in Thomas Stipsits’ drittem Stinatz-Krimi „Eierkratz-Komplett“ (Ueberreuter Verlag) steht der „burgenländische Columbo“ vor dem kniffligsten Fall seiner Karriere.
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