Der Equal Pay Day ist ein Aktionstag im Februar oder März, für den es in jedem europäischen Land einen anderen Termin gibt. Je später er im Jahr stattfindet, desto höher die Einkommensdifferenz zwischen Männern und Frauen. Das Datum markiert die Spanne, die Frauen theoretisch unbezahlt arbeiten würden, wenn man den Gender Pay Gap, also den Lohnabstand, in Zeit umrechnet. Die Österreicherin Rita Volgger, Präsidentin des Netzwerks Business and Professional Women Austria (BPW), ist eine der engagiertesten europäischen Aktivistinnen für Lohngerechtigkeit. Die 74-Jährige kennt das Thema nicht nur aus Studien, sondern aus eigener Erfahrung. Ein Gespräch über Ungleichheit in Europa und warum Länder wie Rumänien bei der Lohnlücke nur scheinbar besser als Österreich abschneiden.

Emanzipiert und engagiert

Rita Volgger liebt es, immer wieder Neues zu lernen, und schließt derzeit ein Studium der Linguistik ab. Die 74-Jährige ist zertifizierte Business-Trainerin, Sprachlektorin und Mentalcoach mit jahrzehntelanger internationaler Erfahrung. Ihre Karriere begann im Vertrieb und Marketing, wo sie Vorstände in Projekten mit Schwerpunkt Südostasien und Amerika unterstützte. 2008 gründete sie ihr eigenes Institut und widmete sich zunächst der frühen Englischförderung und Lernunterstützung für Kinder. Heute unterrichtet sie Business-Englisch in Unternehmen, arbeitet als Sprach- und Mentaltrainerin. Seit 2023 ist sie Präsidentin von Business and Professional Women Austria (BPW). Sie ist verheiratet und Mutter zweier erwachsener Kinder sowie Großmutter von drei Enkelkindern.

Wie lange kämpfen Sie schon gegen den Gender Pay Gap?

Intensiv seit etwa zehn Jahren. Ich bin 2015 bei BPW eingestiegen, und da gab es das Thema natürlich schon lange. Aber eigentlich begleitet mich die Ungleichheit ein ganzes Berufsleben lang. Ich war früher Direktionsassistentin in einem Maschinenbauunternehmen in Süddeutschland, und da war es völlig normal, dass Frauen weniger verdienen. Selbst wenn sie die gleiche Arbeit wie Männer machten, zum Beispiel Ingenieurinnen waren.

Was haben Sie selbst erlebt?

Ich werde nie vergessen, wie mir mein damaliger Chef von seinem guten Jahres-Bonus den Betrag von 1.500 Euro abgeben wollte. Freiwillig und ganz offiziell. Abgezogen wurde ihm das Geld auch, aber ich habe es nie bekommen. Die Begründung war: „Das ist unüblich.“ Da wurde mir das erste Mal wirklich bewusst, dass diese Ungleichheit strukturell ist. Frauenarbeit wird einfach weniger wertgeschätzt.

Die Gehaltsunterschiede bei Männern und Frauen werden seit Jahrzehnten europaweit laut kritisiert …

Ich habe einmal ausgerechnet, wie lange es dauern würde, wenn der Fortschritt so langsam weitergeht wie bisher. Einen Equal Pay, also gleiche Bezahlung, würden wir im Jahr 2080 erreichen. Das werden weder Sie noch ich erleben. Also setze ich mich dafür ein, dass das schneller geht!

Der Gender Pay Gap unterscheidet sich in den verschiedenen europäischen Ländern stark, was sagt er aus?

Vor allem, dass sich europaweit kaum etwas verändert. Gehen wir auf die Spitzenreiter ein: Österreich belegt mit rund 18,3 Prozent unbereinigtem Pay Gap den zweitschlechtesten Rang, gleich hinter Lettland. Der EU-Durchschnitt liegt bei 12 Prozent. Das sind die aktuellsten Zahlen von Eurostat 2023. Es gibt noch den bereinigten Gender Pay Gap, der beträgt hierzulande gut 12 Prozent. Das ist auch zu viel. Um es zu verdeutlichen, machen wir damit gerne diese Rechnung auf: Es sind circa 44 Arbeitstage, die Frauen pro Jahr kostenlos arbeiten, oder anders ausgedrückt: circa jedes 8. Jahr.

Was bedeutet „unbereinigt“ und „bereinigt“?

Beim unbereinigten Pay Gap werden alle Beschäftigten gezählt, auch Teilzeitkräfte. Beim bereinigten nur die Menschen, die Vollzeit arbeiten. Beides hat seine Berechtigung, denn Teilzeit ist ja Teil des Problems. Viele Frauen müssen nach einer Babypause Teilzeit arbeiten, weil sie keine Kinderbetreuung finden oder keine passende Vollzeitstelle mehr bekommen. Das zieht sich bis zur Pension, weniger Einkommen, weniger Rentenpunkte, weniger Rente: arme Frauen.

In den Statistiken schneiden einige osteuropäische Länder beim Gender Pay Gap besser ab als etwa Österreich oder Deutschland. Sind diese Länder also gleichberechtigter?

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wäre der Gender Pay Gap dort kleiner. Aber das liegt meist daran, dass weniger Frauen arbeiten. Wenn nur ein kleiner Teil erwerbstätig ist, ist die Lücke nicht so groß. In Rumänien zum Beispiel arbeiten vor allem wenige, aber gut ausgebildete Frauen, die besser verdienen. Dann fällt die Differenz statistisch kleiner aus. Zudem arbeiten in Ländern wie Italien oder Slowenien viele Frauen in kleinen Familienbetrieben, oft ohne Vertrag, ohne Absicherung. Das taucht in keiner Statistik auf, schaut aber in der EU-Auswertung schön aus. Das ist alles reine Statistik, kein Fortschritt. Je höher die Erwerbsquote der Frauen, desto sichtbarer wird die Ungleichheit. Länder mit relativ vielen arbeitenden Frauen – wie Österreich, Deutschland oder Tschechien – zeigen in den Zahlen ein größeres Gefälle. Aber das ist ehrlich, weil es spiegelt, was wirklich los ist.

Man würde in den ehemaligen sozialistischen Ländern mehr Gleichberechtigung erwarten, oder?

Früher war die Gleichstellung dort stärker institutionalisiert, viele Frauen arbeiteten, es gab zuverlässig Kinderbetreuung und etwa mehr Studentinnen in MINT-Fächern. Heute haben die Länder längst auch die schlechten Seiten aus dem Westen übernommen. Je westlicher die Wirtschaft, je moderner die Fassade, desto tiefer sitzt die Ungleichheit. Eine bosnische Studentin, mit der ich im Rahmen meines Linguistik-Studiums sprach, sagte: „Bei uns gibt es viele Frauen in den Ministerien, aber kaum Ministerinnen.“ Das fand ich sehr treffend.

Was müsste sich ändern, damit sich die Lohnschere endlich schließt?

Das Wichtigste ist Lohntransparenz! Oft wissen Frauen nicht, dass der männliche Kollege mehr verdient. Sie haben keine Verhandlungsbasis. Die EU hat das längst beschlossen, die Mitgliedsstaaten bekamen Zeit, Transparenz bis 2026 in nationales Recht umzusetzen. Beschäftigte sollen Auskunft verlangen dürfen über die Durchschnittsgehälter nach Geschlecht für „gleiche Arbeit oder gleichwertige Arbeit“. Und über die Kriterien, nach denen Gehälter festgelegt werden, die müssen nachvollziehbar objektiv und geschlechtsneutral sein. Doch viele Länder versuchen, das hinauszuzögern. In Österreich heißt es zum Beispiel jetzt, das soll nur Betriebe mit mehr als 500 Mitarbeitern betreffen. Warum? Viele Unternehmen haben Angst, denn sie wissen, dass sie Frauen schlechter bezahlen. Lohntransparenz ist nicht bequem, aber notwendig für die Gerechtigkeit.

Was muss sich noch ändern?

Der zweite Punkt ist die Aufwertung der Care-Berufe, also Pflege, Bildung, Kinderbetreuung. Dort wird am meisten gespart, aber das sind Jobs, die entscheidend für die Gesellschaft sind und die sowieso oft schon schlecht bezahlt werden. Wenn Frauen in diesen Bereichen arbeiten, trifft sie die Ungleichheit doppelt: Sie verdienen wenig und müssen oft Teilzeit arbeiten, weil sie keine Betreuung für die eigenen Kinder finden. Denn es fehlen Kindergarten- und Ganztagsschulplätze. Das zu ändern, wäre ein enormer Hebel. In der DDR hat es mal funktioniert, fast alle Frauen waren erwerbstätig. In Schweden funktioniert es auch ganz gut, da haben etwa Frauen mit zwei Kindern keine Probleme zu studieren. Bei uns wird immer noch so getan, als müsste die Mutter zu Hause bleiben. Das ist ein alter, patriarchaler Gedanke, der bis heute nachwirkt und der ursächlich für die Lohnlücke ist.

Warum ist in vielen skandinavischen Ländern der Pay Gap bei hoher Erwerbsquote von Frauen geringer?

Weil Gleichstellung dort gelebter Alltag ist. In Schweden gibt es nicht nur genug Kinderbetreuung, es ist etwa völlig normal, dass Männer sagen: „Ich muss jetzt meine Kinder abholen.“ In Österreich oder Deutschland ist das oft immer noch erklärungsbedürftig. Nordische Länder sind deshalb Vorbilder.

Gibt es noch weitere wichtige Forderungen?

Wir brauchen eine verpflichtende Frauenquote für Führungspositionen. Es ist doch schon lange bekannt, dass gemischte Führungsteams auch stabilere Geschäftszahlen bringen.

Und wie sehen Sie die nachfolgenden Generationen, es heißt, junge Frauen verhandeln heute härter?

Ich sehe Hoffnung. Viele sind selbstbewusster und fordernder. Aber auch da braucht es Unterstützung. Denn Transparenz und gleiche Chancen fallen nicht vom Himmel, sie müssen gesellschaftlich eingefordert werden. Und der Pay Gap beginnt schon früh, bei den Lehrlingen. Laut Statistik Austria verdienen Lehrmädchen im Durchschnitt rund 9.900 Euro im Jahr, Lehrbuben über 11.500. Das ist ein Unterschied von etwa 15 Prozent! Natürlich spielt auch die Berufswahl eine Rolle, dass Mädchen weniger technische Bereiche wählen und öfter schlecht bezahlte soziale. Aber das ist doch ein enormer Unterschied schon zu Beginn der Karriere.

Wenn Sie auf Ihr eigenes Berufsleben zurückblicken: Fühlen Sie sich ungerecht behandelt?

Ich habe lange nicht darüber nachgedacht. Die Arbeit hat mir Spaß gemacht und mir das Gefühl gegeben, gebraucht zu werden, das war mir wichtiger als Geld. Aber ja, ich habe lange Jahre zu wenig verdient. Und ich habe erlebt, wie Frauen unsichtbar blieben, obwohl sie den Laden am Laufen hielten. Heute sage ich: Frauen müssen wissen, was sie wert sind. Und sie dürfen dafür auch Geld verlangen.

Ein Protesttag, viele Termine

Kampagnen, Proteste, Diskussionsveranstaltungen: Damit treten Frauen in Europa und Ländern in aller Welt am Equal Pay Day (kurz EPD) für gleiche Bezahlung der Geschlechter ein. Symbolisch markiert der EPD im jeweiligen Land das Datum, bis zu dem Frauen im Vergleich zu Männern unbezahlt arbeiten würden, wenn man die Einkommensdifferenz in Zeit umrechnet. Das Datum variiert also je nach Lohnlücke 2011 hat die Europäische Kommission den Europäischen Equal Pay Day ins Leben gerufen, der immer im Herbst begangen wird – an dem Tag, ab dem Frauen im Vergleich zu den Männern bis zum Jahresende „gratis“ arbeiten.