Vaginales Mikrobiom: Das sollten Sie darüber wissen
Das Darmmikrobiom ist vielen bereits ein Begriff. Doch dass auch die „guten“ Bakterien in der Vagina eine zentrale Rolle für unsere Gesundheit spielen, ist für viele noch neu. Hier finden Sie die wichtigsten Fakten zum vaginalen Mikrobiom.
Das vaginale Mikrobiom: Ein hochspezialisiertes Ökosystem
Denn auch, wenn wir das Jahr 2026 schreiben und uns unglaublich aufgeklärt fühlen, gehört das vaginale Mikrobiom nicht gerade zu den entspannten Themen. Natürlich muss man nicht in jeder Situation über alle körperlichen Details reden. Aber warum kommen bei der Vagina so schnell negative Assoziationen bis hin zur Angst vor unguten Gerüchen? Völlig unnötig übrigens, wenn alles gesund ist, aber dazu später mehr. Entsprechende männliche Zonen hingegen werden selten bis nie abgewertet, im Gegenteil, Stolz ist da an der Tagesordnung.
Hilfreich bei einem freundlichen Blick auf die Vagina und ihr Mikrobiom ist ein bisschen Wissen. Denn dann beginnt man, über diesen Muskel, dieses Organ und seine feuchte Oberfläche zu staunen – ein echtes Wunderwerk, das Schutzbatallion, Ärztin und durchdachte Lebensgemeinschaft in einem ist.
Erstmal zum Mikrobiom: Mit diesem Namen bezeichnet man die Gesamtheit aller Mikroorganismen, die die Vagina besiedeln – das sind vor allem Bakterien, aber auch Pilze und Viren. Anders als im Darm, wo sich hunderten Arten tummeln, ist das Mikrobiom in der Vagina ein hoch spezialisiertes Ökosystem mit erstaunlich geringer Vielfalt. Und genau diese Eigenschaft macht es so gesund.
Erfahren Sie hier, was Sie für ein gesundes Mikrobiom im Darm tun können.
Wunschpartner des vaginalen Mikrobioms: Die Milchsäure
Denn die Dominanz bestimmter Milchsäurebakterien, der sogenannten Laktobazillen, sorgt dafür, dass eine Art biologisches Schutzschild entsteht. Bei gesunden Frauen dominieren typischerweise vier bis fünf Lactobacillus-Arten, z. B. der Lactobacillus crispatus oder der Lactobacillus jensenii, jeweils mit eigener Spezialisierung, Warum diese Bakterien so wichtig sind? Weil sie einen pH-Wert schaffen, der vor Keimen schützt und Stoffe produzieren, die als natürliche Antibiotika fungieren. Diese Laktobazillen sind auch Teil des Biofilms, einer mikroskopisch dünnen Schicht aus Bakterien, die an der Vaginalschleimhaut haftet. Insgesamt kann ein gesundes vaginales Mikrobiom diverse Erkrankungen verhindern, u.a. die bakterielle Vaginose, Pilzinfektionen (Candida), Chlamydien, die Neigung zu Blasenentzündungen und zur Gebärmutter aufsteigende Infektionen.
Und es geht noch weiter: Studien zeigen, dass dieses Mikrobiom sich sogar günstig auswirkt, wenn man schwanger werden möchte. Es sorgt für weniger Früh- und Fehlgeburten, höhere IVF-Erfolgsraten und hat auch einen Einfluss auf das Überleben von Spermien. Außerdem senkt es die Wahrscheinlichkeit für vorzeitigen Blasensprung und intrauterine Infektionen.
Ganz klar: Dieses System ist von der Natur bestens eingerichtet, um uns und unseren Nachwuchs zu schützen. Fast verrückt kommt es einem da vor, dass es eine Zeit gab, in der nach künstlichen Blumen duftende Intimwaschlotionen en vogue waren. Heute sind solche Produkte fast immer parfum- und alkoholfrei, enthalten Milchesäure und sind auf den ph-Wert der Haut abgestimmt. Dermatologinnen wie Dr. Maja Hofmann warnen dennoch: „Wer zu viel wäscht, cremt und pflegt, kann die Schleimhaut reizen und das bakterielle Gleichgewicht stören.“ Warmes Wasser ist im allgemeinen ausreichend.
Vaginales Mikrobiom: Eine Frage der Phase
Besonders smart: Das Mikrobiom ist nicht nur von Mensch zu Mensch verschieden, sondern passt sich auch an Alter und Lebensphase an. So ist es in der Kindheit neutral und hat wenig Laktobazillen, in der Pubertät dagegen dominieren diese. Später, im Erwachsenenalter, schwankt ihre Mischung durch die Hormone je nach Zyklusphase und ist während der Schwangerschaft besonders stabil. Kommen die Wechseljahre, verändert sich durch den Östrogenabfall auch das Mikrobiom, was zu Problemen wie Trockenheit oder häufigeren Infektionen führen kann. Viele Gynäkologinnen verschreiben dagegen inzwischen lokal wirkende Östrogen-Zäpfchen. Verursacht die Trockenheit in dieser Lebensphase Schmerzen beim Sex, helfen außerdem vaginale Feuchtigkeitsgele. Kleiner Trost: Pilzinfektionen sind in dieser Zeit sehr viel seltener.
So genial die Natur das Mikrobiom ausgestattet hat, so unangenehm können die Folgen sein, wenn es gestört wird, und zwar in jedem Alter. Das kann geschehen durch die Einnahme von Antibiotika, durch Seifen, neue Sexualpartner, Rauchen, durch Stress und Schlafmangel, Hormonschwankungen, durch Krankheiten wie Diabetes oder ,Hilfsmittel' wie Slipeinlagen oder Vaginalduschen. Denn: Verschwinden erstmal die freundlichen Milchsäurebakterien, können anaerobe Keime übernehmen. Bei der bakteriellen Vaginose erkennt man das unter anderem auch am unguten Geruch – ein sinnvolles Alarmsignal, kein Zeichen von Schmutz.
Wie man seinem vaginalem Mikrobiom etwas Gutes tun kann
Aber wie riecht eigentlich eine gesunde Vagina? „Leicht sauer, ein bisschen wie Joghurt” erklärt die Chefärztin und Gynäkologin Prof. Dr. Mandy Mangler, die in ihrem sehr hörenswerten Podcast ,Gyncast' alle Details unterhaltsam erörtert. „Aber das vaginale Mikrobiom ist nicht nur von Frau zu Frau, sondern auch von Stunde zu Stunde ganz unterschiedlich. Faktoren wie Sex, Sport und die Ernährung haben einen Einfuss darauf”. Solange es nicht juckt oder schmerzt oder ein völlig neuer, seltsamer Geruch auftritt, sei alles gut.
Wer immer wieder unter Vaginosen oder Pilzinfektionen leidet, könne seine vaginale Flora ruhig mal unterstützen, rät Mangler. „Zum Beispiel mit vaginalen Milchsäurebakterien, die man zum Beispiel als Zäpfchen oder Kapseln in die Vagina einbringt.” Das sei besser als Tampons in Joghurt zu tunken und einzuführen – weil Joghurt heute oft chemisch verändert ist. Auch die sogenannten Omnibiotics findet Mangler interessant: „Dazu gibt es zwar leider noch keine starke Evidenz in den Studien. Aber diese Pulver zum Auflösen und Trinken enthalten Laktobazillen, die den Darm besiedeln und von dort weiter in die Vulva oder Vagina wandern.” Hat man erstmal die Zusammenhänge durchschaut, ist es oft einfacher, sich um die Gesundheit der Vulva und Vagina zu kümmern, als immer wieder unter diversen Krankheiten zu leiden. Dazu gehöre laut Mangler auch der Tipp, lieber auf Menstruationstassen als auf Tampons zu setzen, weil Tampons die Feuchtigkeit der Vagina aufsaugen und durch den häufigen Wechsel manchmal das Gleichgewicht der Vagina ins Wanken bringen können. Auch das Tragen von Baumwollunterwäsche statt Slips aus Kunstfasern ist in diesem Zusammenhang eine gute Idee. Eine Ernährung mit wenig Zucker kann ebenfalls positive Effekte haben.
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Auf diese Tipps kann Frau verzichten
Sicher ist: Wir brauchen weder Intimdampfbäder zur Reinigung (Tipp von Gwyneth Paltrow) noch Aktivkohle-Masken für die Vulva und auch keine ,Vagiküre', also eine kosmetische SPA-Behandlung für den äußeren Intimbereich. Wirklich hilfreich dagegen: Ein Handspiegel zum genaueren Kennenlernen unserer Vulva und Vagina – sogar viele Medizin-Studierende können sie nicht adäquat zeichnen. Schön wäre auch ein ungezwungener, positiver Umgang mit unserem ausgesprochen fähigen Organ und dessen Feuchtgebieten. Höchste Zeit, sie richtig zu benennen und auch mal ein bisschen zu bewundern, ihre Vielfältigkeit zu feiern (z. B. per Online-Besuch der Vulva-Galerie, www.thevulvagallery.com) oder die Tatsache, dass die Vagina sich selbst reinigen kann. Bei neuen Gerüchen kann man sich lieber mal pH-Teststreifen aus der Apotheke holen als noch mehr zu waschen – die gesunde Zielgröße liegt zwischen 4 und 4.5. Ein schöner Nebeneffekt: Das Gefühl, selber ein bisschen Profi für diese Körperpartie zu werden.