Frau mit Smartphone und Kopfhörer sitzt an einer Klippe und schaut auf das Meer.
Ein Trend, der polarisiert

ASMR – Entspannung auf den ersten Klick?

Kratzen, klopfen, flüstern … die einen lieben es, die anderen können es nicht ausstehen – kaum ein Trend polarisiert so stark wie ASMR. Was hat es mit dem Hype um die skurrilen Entspannungsvideos wirklich auf sich?

ASMR – Autonomous Sensory Meridian Response

Fast wirkt es grotesk: In einem YouTube-Video wird in mehr als einer halben Stunde eine Art Friseurbesuch nachgestellt. Lange Haare werden langsam frisiert, gestreichelt, zusammengebunden und wieder geöffnet. Eingeölt, gewaschen, wieder frisiert, wieder gestreichelt. Geräusche sind dabei nicht nur erlaubt, sondern schwer erwünscht. Denn,  je stärker man das Bürsten oder das Gluckern des Haaröls hört, desto beliebter das Video.

Ein anderes Video zeigt in 28 Minuten, wie mit Fingerkuppen oder Fingernägeln auf Gegenstände geklopft (Tapping) oder gekratzt (Scratching) wird. Wieder andere Beiträge widmen sich minutenlang „Handsounds“ oder „Mouthsounds“. Und eine ganze Menge an Videos beschäftigen sich ausschließlich der Reinigung von Plastik-Ohren, die am geräuschempfindlichen Mikrofon festgemacht und in 45 Minuten professionell mit Wattestäbchen und Co. gereinigt werden. Es wird in Büchern geblättert, mit Folie geknistert oder mit Wasser getropft. Geschmatzt, über verschiedene Stoffe gestrichen oder die Kamera mit einem Wattebausch gestreichelt. Dabei wird immer geflüstert – das scheinen alle ASMR-Videos gemeinsam zu haben. Das Schrägste daran? Die mittlerweile über 10 Millionen Videos haben teilweise mehr als eine Million Kicks, manche sogar noch weit mehr. Das macht die ASMR-Community zu einer der erfolgreichsten auf YouTube.

ASMR – All about the Tingles

Das erklärte Ziel all dieser Videos? „Tingles“ beim Zuseher beziehungsweise Zuhörer zu erzeugen. Damit ist ein „Kribbeln im Kopf“ gemeint, das die ultimative Entspannung verspricht. Ein wohliges Gefühl, das sich über den Nacken bis über den Rücken ausbreitet, wie „ins Narrenkästchen starren“ – nur eben körperlich. Tipp für Neueinsteiger: Leichter bekommt man die Tingles, wenn man sich die Videos mit (guten!) Kopfhörern anhört. Aber auch bei den vermeintlichen Tingles scheiden sich die Geister. Denn nicht bei jedem will sich der gewünschte Effekt einstellen. Das kann verschiedene Hemmschwellen haben. Manchen ist ASMR zu langsam, andere finden es befremdlich und wieder andere ekelt sogar vor den Geräuschen.

ASMR – Geräusch-Gurus

Dem gegenüber steht eine begeisterte (und wahrscheinlich ziemlich entspannte) Fangemeinde, die mit ASMR-Videos einschläft, auf der Couch liegt oder Stress bekämpft. Sogar bei Angststörungen soll ASMR schon geholfen haben. Die Forschung steht bislang vor einem Rätsel – zu wenig ist bekannt über den Entspannungs-Trend der letzten Jahre. Auf Ergebnisse fundierter Studien wird man wohl auch noch etwas warten müssen. Währenddessen werden die Protagonisten gefeiert wie Gurus und YouTuber wie Whispers Red, Gibi oder ASMR Darling regelrecht ikonisiert. Apropos Guru: Als Urvater der Bewegung gilt der Kult-Maler Bob Ross, der Anfang der 80er mit seinen entspannenden Malerei-Tutorials „The Joy of Painting“ mit ruhiger Sprechstimme weltweit für Entspannung vorm Fernseher sorgte.

Leise ASMR-Videos – laute Welt

Ob Traum oder Trauma – ASMR ist auf alle Fälle Trend. Das größte Vorurteil? ASMR hätte einen rein erotisierenden Effekt. Die Community sieht das  ganz gegenteilig und behauptet, die Menschen sind es einfach nicht mehr gewöhnt, dass sie jemand liebevoll und zärtlich anspricht, ohne dabei sofort an Sex zu denken. Vielleicht ist da etwas dran. In einer Welt, in der alles noch lauter, schneller, effizienter und schriller sein muss, ist ASMR eine leise Rebellion gegen die hektische Medienwelt. Die Videos vermitteln eine Nähe, eine Hingabe und eine Entschleunigung, die heutzutage selten geworden ist. Und irgendwie ist es ja schon spannend, dass gerade die leisesten Videos die lauteste Resonanz bekommen.

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