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Insekten: Warum sie wahre Wunderwesen auf sechs Beinen sind
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Kleine Krabbler

Insekten: Warum sie wahre Wunderwesen auf sechs Beinen sind

Insekten sind oft winzig, aber nicht zu unterschätzen. Sie sind wahre Champions der Evolution, unersetzbare Leistungserbringer für Natur und Menschheit, Hoffnungsträger für die Medizin – und gleichzeitig stark bedroht.

Insekten sind Champions der Evolution

Das kleinste allein lebensfähige Insekt ist mit bloßem Auge kaum auszumachen: 0,325 Millimeter misst der Minikäfer Scydsella musawasensis – so winzig wie ein feines Sandkörnchen. Zu den größten Vertretern zählt die Riesengespenstschrecke Phobaeticus chani, die mit ausgestreckten Beinen über 56 Zentimeter lang sein kann. Die beiden Arten sind nur zwei von rund einer Million bekannter Insektenarten. Auf Kerbtiere entfällt die Hälfte der wissenschaftlich beschriebenen Tierarten. Käfer & Co. sind somit die artenreichste Tiergruppe auf der Erde.

Angepasst an viele Lebensräume

Die ersten Insekten tauchten vor rund 480 Millionen Jahren im frühen Erdzeitalter Ordovizium auf, lange vor den Dinosauriern. Dass sie so erfolgreich die Erde besiedeln konnten, liegt zunächst einmal an ihrem Formenreichtum. Die ausgewachsenen, sechsbeinigen Tiere gliedern sich in Kopf, Brustkorb und Hinterleib. Ein schlichtes, aber geniales Bauprinzip, denn diese Module lassen sich je nach Lebensraum abwandeln. In den tropischen Regenwäldern gibt es die meisten Insektenarten. Bis in die Polarregionen sind sie vorgedrungen, einzig in den Meeren findet man sie kaum.

Vielseitige Nahrungsquellen

Zudem haben die Larven und die ausgewachsenen Tiere oft eine vollkommen andere Lebensweise und konkurrieren so nicht um Nahrung. Und nicht zuletzt gehen fast alle Insekten Symbiosen mit Mikroorganismen ein, um sich an spezielle Ernährungsweisen anzupassen. So helfen beispielsweise Mikroorganismen im Darm von Termiten beim Verwerten von Holz, indem sie wie in einem winzigen Bio-Reaktor bestimmte Verdauungssäfte produzieren.

Insekten sind unentbehrlich für die Natur

Die Sechsbeiner räumen Kot und Aas weg, zersetzen Totholz und Laub und führen der Erde wieder Nährstoffe zu. So kommen etwa die winzig kleinen, flügellosen Springschwänze, die es schon seit der Urzeit gibt, millionenfach in jedem Kubikmeter Waldboden vor. Sie vertilgen bevorzugt Pflanzenreste, Pilze und Bakterien. Von manchen Arten ist aber auch bekannt, dass sie Schwermetalle aus dem Boden aufnehmen und diesen somit dekontaminieren können. Zudem sind Insekten ein wichtiges Glied in der Nahrungskette, indem sie von Spinnen, Vögeln, Fledermäusen, Amphibien und Fischen gefressen werden.

Bestäubung der Blütenpflanzen

Ihre bedeutendste Rolle jedoch ist die der Bestäuber. Die an Land vorherrschenden Blütenpflanzen sind auf die Übertragung ihrer Pollen angewiesen. Erledigt das nicht der Wind, müssen die Tiere beim Pflanzensex helfen. Und bei rund 88 Prozent aller Gewächse machen das nun mal die Insekten.

Das kommt auch den Menschen zugute: Jeder dritte Bissen, den wir zu uns nehmen, wird erst durch die Bestäubung von Insekten möglich. Allein in Europa sind rund 4.000 Gemüsesorten von den Sechsbeinern abhängig, ebenso 75 Prozent aller kultivierten Getreidearten. Der Weltbiodiversitätsrat hat den ökonomischen Nutzen von Bestäubern mit 577 Milliarden Euro weltweit beziffert. Eine einzige Wildbiene kann bis zu 5.000 Blüten befruchten. Diese Zahlen machen es mehr als deutlich: Die natürliche Bestäubung ist durch nichts zu ersetzen. Zudem fressen Raubinsekten Schädlinge und übernehmen so in der Landwirtschaft die Aufgabe von Pestiziden. Ein einziger Marienkäfer kann am Tag bis zu 150 Blattläuse verspeisen.

Insekten sind eine wichtige Proteinquelle

Doch Insekten ernähren uns nicht nur indirekt. Bei mehr als zwei Milliarden Menschen stehen die proteinreichen Tierchen selbst auf dem Speiseplan, vor allem in Asien, Afrika und Lateinamerika. Hinsichtlich des Nährstoffgehalts müssen sie den Vergleich mit Fleisch nicht scheuen. Und dabei belasten sie die Umwelt und das Klima deutlich weniger, da sie weniger Platz, Wasser und Futtermittel benötigen. Als wechselwarme Tiere brauchen Insekten keine Energie zur Wärmeerzeugung und können Nährstoffe viel besser nutzen. Bei der Herstellung eines verzehrfertigen, insektenbasierten Lebensmittels fallen dreimal weniger Treibhausgasemissionen an als bei Geflügelfleisch und sogar 20-mal weniger als bei Rindfleisch.

Insekten sind interessant für die Biomedizin

Die Nützlichkeit von Kerbtieren geht noch weiter: Sie verfügen über ein riesiges Arsenal an chemischen Substanzen, was sie äußerst interessant für die Biotechnologie macht. Insbesondere in der Medizin erhoffen sich Forscherinnen und Forscher große Durchbrüche.

Drei Beispiele, wie Insekten der Medizin nutzen könnten

Kakerlaken könnten beispielsweise dabei helfen, das Problem der Antibiotikaresistenzen zu lösen. Die Schaben bevorzugen dreckige Lebensräume und haben deshalb Immunreaktionen gegen viele Erreger entwickelt. In ihrem Gehirn- und Nervengewebe finden sich stark antibiotisch wirksame Substanzen.

Zudem gibt es Hoffnung bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten, die durch Stechmücken übertragen werden. In der Hämolymphe (dem Blut) des Asiatischen Marienkäfers wurde ein Stoff namens Harmonin gefunden, der gegen die Tropenkrankheiten Malaria, Bilharziose und Leishmaniose wirksam ist.

Auch in der Krebsforschung stehen Insekten hoch im Kurs. Viele Käfer machen sich etwa das Gift Pederin zunutze, um ihre Eier vor Fraßfeinden zu schützen. Es wird nicht von ihnen selbst, sondern von Bakterien und anderen Mikroorganismen, die als Symbionten in den Tierchen leben, erzeugt. Wie sich herausstellte, hat es eine starke Anti-Tumor-Wirkung.

Warum Insekten vom Aussterben bedroht sind

Insekten sind wichtige Bioindikatoren, die sehr empfindlich auf Veränderungen ihres Lebensraumes reagieren – und so die Qualität der Umwelt widerspiegeln. Die Wissenschaft ist deshalb alarmiert: 40 Prozent aller Insektenarten sind vom Aussterben bedroht, jedes Jahr gehen schätzungsweise 2,5 Prozent der Biomasse aus Kerbtieren verloren. „In manchen Bereichen mussten wir einen Rückgang der Fluginsekten um etwa 75 Prozent verzeichnen“, sagt die Biologin und Ökologin Carolina Trcka-Rojas, Projektleiterin beim Naturschutzbund Österreich. Beim Insektensterben handelt sich um eines der umfangreichsten Artensterben auf dem Planeten.

Menschenverursachtes Insektensterben

Die Gründe dafür sind bekannt und vielfältig: der Verlust geeigneter Lebensräume, die drastische Zerschneidung der Landschaft durch Bebauung und Versiegelung, die starke Intensivierung der Land- und Forstwirtschaft sowie der hohe Einsatz von Pestiziden. Aber auch Luft- und Lichtverschmutzung, die Belastung durch Mikroplastik, das unter anderem das Mikrobiom von Bienen verändert, Schiffsverkehr, der Insektenlarven an den Ufern von Gewässern in Mitleidenschaft zieht, sowie Elektrosmog durch Hochspannungsleitungen, der die Lern- und Orientierungsfähigkeit von Honigbienen beeinträchtigt, sind Ursachen für das Insektensterben.

Handlungsmöglichkeiten für Politik und Privatpersonen

„Noch haben wir die Möglichkeiten, zu handeln: Lebensräume müssen geschützt und neue Habitate geschaffen werden. Offizielle Handlungsempfehlungen und Richtlinien können dabei helfen“, fordert Trcka-Rojas. Die EU hat sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2030 den Insektenschwund umzukehren. Festgeschrieben wurde das etwa in der EU-Bestäuberinitiative und in der EU-Biodiversitätsstrategie 2030. „Doch dabei gibt es immer wieder Rückschläge. Erst Anfang des Jahres 2026 hat die EU Pläne bekanntgegeben, Pestizide zeitlich unbegrenzt zuzulassen. Hier muss mehr für die Umwelt getan werden“, sagt die Expertin.

Aber auch als Privatperson kann man sich in seinem eigenen Umfeld für den Schutz von Insekten einsetzen. „Naturgärten sowie Hecken und Blühinseln aus heimischen Pflanzenarten können viele Arten vor dem Aussterben bewahren“, macht Trcka-Rojas Mut. Zudem sollte man auf dem Balkon und im Garten auf Pestizide verzichten und stattdessen auf biologische Schädlingsbekämpfung setzen.

Was das Verschwinden der Insekten bedeuten würde

Würden die Insekten verschwinden, hätte das dramatische Folgen – insbesondere wegen ihrer Rolle als Bestäuber. Besonders hervorzuheben sind hier die Wildbienen, von denen in Europa fast jede zweite Art vom Aussterben bedroht ist. Auch wenn der Stellenwert der vom Menschen gehaltenen Honigbienen außer Frage steht, wäre es riskant, ihnen allein die Bestäubung der Nutzpflanzen zu überlassen. Denn Wildbienen arbeiten doppelt so effizient wie ihre in Stöcken gehaltenen Schwestern. Unsere Ernährung würde ohne die Bestäuberleistung sehr einseitig werden. Viele Obst- und Gemüsesorten müssten durch Reis, Mais oder Kartoffeln ersetzt werden. Forscherinnen und Forscher schätzen, dass mit dem Verschwinden der Pollensammlerinnen bis zu 40 Prozent einiger essenzieller Nährstoffe, die wir durch Pflanzen aufnehmen, verloren gehen würden. Die Erträge der Nutzpflanzen würden stark schrumpfen oder gänzlich wegfallen. Insbesondere viele Wildpflanzen würde ohne Wildbienen nicht mehr bestäubt werden. Die Nahrungsgrundlage und Lebensräume zahlreicher anderer Tiere würden veröden. Das Bienensterben würde eine verheerende Kettenreaktion des Artensterbens in Gang setzen.
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