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Vorbild Jocelyne Bloch: “Diese kleinen Alltagsmomente ändern für Betroffene alles
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Vorbild

Vorbild Jocelyne Bloch: “Diese kleinen Alltagsmomente ändern für Betroffene alles"

Zusammenfassung Neurochirurgin Jocelyne Bloch hat mit ihrem Kollegen Grégoire Courtine eine Technologie entwickelt, die gelähmten Menschen hilft, wieder zu stehen und kurze Strecken zu gehen. Sie verwenden Implantate: eines im Gehirn, das Bewegungsbefehle dekodiert, und eines im Rückenmark, das die Beinbewegung aktiviert. Diese Technologie hat bereits 17 Patienten geholfen, ihre Lebensqualität zu verbessern. Trotz der Erfolge ist ein normales Gehen nicht möglich, und Bloch forscht weiter an biologischen Lösungen. Ihr Ziel ist, dass diese Behandlung weltweit verfügbar wird.

Diese Zusammenfassung wurde mit KI erstellt und menschlich kontrolliert

Wie können gelähmte Menschen wieder aufstehen und gehen? Neurochirurgin Jocelyne Bloch forscht an einer Technologie, die mit Implantaten neue Wege für mehr Beweglichkeit und Selbstständigkeit eröffnet.

Inhaltsverzeichnis

Wie lässt sich die Bewegungsfähigkeit gelähmter Menschen wiederherstellen?

Die Schweizer Neurochirurgin Jocelyne Bloch hat, gemeinsam mit ihrem Kollegen Grégoire Courtine, in diesem Forschungsgebiet bahnbrechende Erfolge erzielt: Mithilfe implantierter Elektroden in Hirn und Rückenmark können Betroffene wieder stehen und teilweise sogar kurze Strecken gehen. Die 55-Jährige ist als Professorin der Neurochirurgie am Unispital Lausanne (CHUV) und als Professorin an der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) tätig. Mit ACTIVE BEAUTY spricht sie darüber, wie man Menschen mit einer Rückenmarkverletzung helfen und warum man es nur im Team zu solch außergewöhnlichen Medizinleistungen bringen kann.

Frau Professor Bloch, waren Sie schon als Kind die Streberin, die im Biologieunterricht Nervenzellen gemalt hat?

Nein, ganz und gar nicht. Die Entscheidung, Hirnchirurgin zu werden, fiel erst im Medizinstudium. Als Teenager habe ich mich vor allem für große Entdeckungen begeistert, für Menschen mit Pioniergeist. In der Physik genauso wie in der Medizin.

Und wann hat es dann bei der Neurochirurgie klick gemacht?

Während meines Studiums habe ich verschiedene Praktika absolviert – Psychiatrie, Neurologie, Neurochirurgie. Am Ende war klar: Neurochirurgie passt am besten zu meinem Charakter. Es geht um klare Entscheidungen, um präzise, manuelle Arbeit, um den direkten Eingriff. Zur Forschung kam ich erst später, eher durch Zufall: Mein damaliger Mentor bat mich während der Facharztausbildung, ein Forschungsprojekt zu übernehmen – eigentlich wollte ich einfach nur meine Ausbildung fertig machen. Aber es hat sich schrittweise zu meiner zweiten Leidenschaft entwickelt.

Sie haben sich dann auf Rückenmarksverletzungen spezialisiert – ausgerechnet ein Gebiet, in dem es jahrzehntelang praktisch keine Fortschritte gab.

Genau das hat mich gereizt. Eine Rückenmarkverletzung war lange ein endgültiges Aus für die Mobilität: Nach einem Unfall gab es außer Reha kaum Lösungen, die meisten Betroffenen blieben für immer im Rollstuhl.

Heute werden Sie für Ihre Forschung und medizinischen Leistungen gefeiert. Was implantieren Sie Ihren gelähmten Patientinnen und Patienten eigentlich genau?

Es sind zwei Implantate, die zusammenspielen. Das eine setzen wir auf das Rückenmark: ein Neurostimulator mit einer Elektroden-Matrix, platziert genau über jener Stelle, die für die Beinbewegung zuständig ist. Das zweite Implantat kommt ins Gehirn, direkt über dem Areal, das Beinbewegungen steuert – ein sogenanntes WIMAGINE-Gerät, entwickelt vom französischen
Forschungsinstitut CEA. Beide Implantate kommunizieren drahtlos miteinander.

Und warum können die Menschen dadurch tatsächlich wieder gehen?

Bei einer Querschnittslähmung sendet das Gehirn weiterhin den Befehl „geh jetzt“ – nur kommt das Signal wegen der Verletzung nicht mehr im Rückenmark an. Unser Hirnimplantat dekodiert dieses Signal aus dem motorischen Kortex und funkt es an den Stimulator unterhalb der Verletzung. Das Gerät aktiviert dann exakt die Nerven, die für den jeweiligen Bewegungsschritt nötig sind, im richtigen Timing. Mit viel Training wird das immer natürlicher, und wir sehen bei manchen sogar, dass sich die neurologische Funktion verbessert – auch ohne Stimulation.

Was für ein Gefühl ist es für Sie persönlich, wenn Sie miterleben, wie ein gelähmter Mensch aufsteht und geht?

Das wird nie zur Routine. Man steht im Reha-Labor, hält innerlich die Luft an – und dann macht jemand, der jahrelang im Rollstuhl saß, den ersten Schritt. Ich bin Chirurgin, das ist mein Beruf, aber solche Momente gehen tief. Sie erinnern mich jedes Mal daran, wofür wir das eigentlich alles machen.

Um das mal in Zahlen zu fassen: Wie vielen Menschen hat diese Technologie bisher tatsächlich geholfen?

Mit der nicht invasiven Version, bei der wir Elektroden nur auf die Haut kleben, haben wir mittlerweile Dutzende Patientinnen und Patienten behandelt. Interessant ist: Bei vielen verbessert sich die Bewegungsfähigkeit sogar dann, wenn das Gerät ausgeschaltet ist – das Training wirkt also über das Gerät hinaus. In unserer aktuellen Studie mit implantierten Elektroden begleiten wir derzeit 17 Patientinnen und Patienten. Alle haben spürbar an Lebensqualität gewonnen: Manche steigen wieder Treppen, gehen allein auf die Toilette oder besuchen Freunde, deren Wohnung vorher unerreichbar war. Ich würde nicht von vollständiger Autonomie sprechen – aber es ist ein enormer Gewinn.

Meilensteine der Forschung

2017: Erstmals lassen elektrische Impulse eines

Implantats einen Querschnittsgelähmten am
Rollator wieder ein paar Schritte gehen.

2019: Jocelyne Bloch und Grégoire Courtine
nden das Forschungszentrum NeuroRestore,
in dem Klinik, Universität und Technische
Hochschule in Lausanne ihre Kräfte bündeln.

2022: Eine Studie mit neun Personen zeigt,
dass gezielte Rückenmarksstimulation zusammen
mit Rehabilitation auch nach Ausschalten
der Stimulation anhaltende funktionelle Verbesserungen

2023: Eine kabellose Gehirn-Rückenmark-
Schnittstelle ermöglichte dem Patienten
Gert-Jan Oskam, die Bewegungen seiner Beine
willentlich zu steuern und in unterschiedlichen
Umgebungen zu gehen.

Wobei sich die Operierten natürlich nicht normal bewegen wie früher.

Nein, mit hartem Training können sie einige Hundert Schritte mit einem Rollator machen oder einige Treppen steigen, aber ein normaler Gang ist es natürlich nicht. Wir dürfen hier keine falschen Hoffnungen wecken. selbst die beste Technik wird niemals ein völlig normales Gangbild zurückbringen. Deshalb forschen wir parallel an der Biologie: Wie lässt sich eine Verletzung im Rückenmark verkleinern? Wie bringt man Nervenzellen dazu, wieder um die Schädigung herumzuwachsen? Das ist die Zukunft – aber eine, die ich selbst wahrscheinlich nicht mehr erleben werde.

Wo stößt die aktuelle Technologie an ihre Grenzen?

Wir können Elektroden und Chips immer weiter verbessern – aber selbst die beste Technik wird niemals ein völlig normales Gangbild zurückbringen. Deshalb forschen wir parallel an der Biologie: Wie lässt sich eine Verletzung im Rückenmark verkleinern? Wie bringt man Nervenzellen dazu, wieder um die Schädigung herumzuwachsen? Das ist die Zukunft – aber eine, die ich selbst wahrscheinlich nicht mehr erleben werde.

Wie sieht das in der Praxis aus – wie geht es den Patienten aus Ihrer Studie heute?

David Mzee, ein Sportstudent, der nach einem Turnunfall teilweise querschnittsgelähmt ist, war 2018 einer der Ersten, bei denen wir zeigen konnten, dass die Rückenmarkstimulation tatsächlich funktioniert – er konnte seinen Rollstuhl verlassen und mit einer Gehhilfe wieder laufen, das Bild ging damals um die Welt. Und Michel Roccati, ein Italiener, der nach einem Motorradunfall komplett querschnittsgelähmt war, setzten wir 2021 ein neueres, längeres und breiteres Elektroden-Implantat ein, mit dem wir auf deutlich mehr Muskeln zugreifen konnten. Er machte schon kurz nach der Operation die ersten Schritte und hat mir gesagt, das sei eine sehr emotionale Erfahrung für ihn gewesen. Heute nutzt er einen Rollator mit einer Fernbedienung, die die Stimulation über einen Schrittmacher im Bauch auslöst – er hat ein gutes Stück Autonomie zurückerobert.

Ein anderer Patient, der Niederländer Gert-Jan Oskam – nach einem Motorradunfall 2011 in China vom Hals abwärts gelähmt –, hat einmal erzählt, das Schönste an der neuen Technik sei, wieder stehend an der Bar ein Bier trinken zu können. Was macht so ein Satz mit Ihnen?

Er trifft den Kern unserer Arbeit. Am Anfang klang das, was wir tun, für mich selbst nach Science-Fiction. Wenn jemand nach zwölf Jahren im Rollstuhl plötzlich wieder ganz selbstverständlich an der Bar steht, zeigt das, worum es eigentlich geht: um diese kleinen, enorm bedeutungsvollen Alltagsmomente, die für Außenstehende vielleicht banal wirken – für die Betroffenen aber alles verändern.

Was unterscheidet eigentlich eine Verletzung im Nacken- von einer im unteren Rückenbereich?

Das ist ein zentraler Punkt, den viele nicht bedenken: Wer eine Verletzung im unteren Rückenmarksbereich hat, kann zwar nicht gehen, ist aber oft sehr selbstständig – er kann allein zu Hause leben, sich komplett selbst versorgen. Bei einer Verletzung im Nackenbereich, wenn die Hände nicht mehr funktionieren, sieht das ganz anders aus. Viele Körperfunktionen sind eingeschränkt, das Atmen fällt schwer, der Kreislauf ist gestört. Die Wünsche dieser beiden Gruppen unterscheiden sich fundamental.

Was wünschen sich Patientinnen und Patienten mit einer hohen Querschnittslähmung denn konkret?

Sie wollen selbstständig sein: sich vom Rollstuhl ins Bett setzen können, mit den Händen nach etwas greifen. Menschen mit einer Verletzung im unteren Bereich wünschen sich dagegen eher, ein paar Schritte zu machen, kurz zu stehen, eine Freundin zu besuchen, deren Wohnung keinen Platz für einen Rollstuhl hat.

Implantieren Sie auch bei Menschen, die im Nackenbereich verletzt sind? Darüber liest man sonst kaum etwas.

Stimmt, das kommt oft zu kurz. Hier geht es zum Beispiel um die Blutdruckregulation. Bei einer Verletzung im Hals- oder oberen Brustwirbelbereich gerät oft auch der Kreislauf aus dem Takt, weil die Nervenbahnen, die den Blutdruck steuern, mitverletzt sind – vielen Betroffenen wird schwindlig, sobald sie aufrecht sitzen. Stimulieren wir den richtigen Punkt am Rückenmark, normalisiert sich der Blutdruck sofort. Und wir arbeiten inzwischen auch an einer eigenen Studie zu Armen und Händen – diese wieder benutzen zu können, ist der eigentliche Wunsch vieler Querschnittsgelähmter.


Wecken Sie mit spektakulären Bildern von wieder mobilen Menschen nicht auch Hoffnungen, die Sie gar nicht erfüllen können?

Heute weniger als früher. Die Menschen, die jetzt in unsere Studien kommen, treffen vorher andere, die den Eingriff schon hinter sich haben. Sie wissen also ziemlich genau, was realistisch ist. Als wir angefangen haben, gab es diese Vorbilder noch nicht – da waren die Erwartungen tatsächlich diffuser.

Sie haben gemeinsam mit Grégoire Courtine eine Firma gegründet, um Ihre Geräte zur Marktreife zu bringen. Wie arbeitet man im Team an einem derart langfristigen Projekt?

Es ist eine riesige, komplexe Aufgabe, die kein Einzelner allein stemmen kann. Man braucht erfahrene Menschen, denen man vertraut und die selbstständig arbeiten können – aber die trotzdem Lust haben zu bleiben, statt nach ein paar Jahren weiterzuziehen. Für ein Langzeitprojekt wie unseres braucht es beides: Talente, die kommen und nach einigen Jahren gehen, und ein paar Konstanten, die es zusammenhalten.

Was ist für Sie persönlich der eigentliche Durchbruch, auf den Sie hinarbeiten?

Für mich zählt vor allem eines: dass unsere Verfahren eines Tages nicht mehr nur einer Handvoll Studienteilnehmerinnen und -teilnehmern vorbehalten sind, sondern eine etablierte Behandlung werden – auch an anderen Kliniken weltweit. Aktuell sind sie reine Forschung. Ich möchte, dass sie irgendwann eine Therapie für alle werden, die sie brauchen.


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