Bewusstes Gehen: Jeder Schritt ein Schritt zu mir
Diese Zusammenfassung wurde mit KI erstellt und menschlich kontrolliert
Im Gehen, so erlebt es unsere Autorin, gerät nicht nur der Körper in Bewegung: Gedanken werden freier, Emotionen intensiver – und selbst die schweren Fragen leichter. Erfahren Sie hier mehr über die therapeutische Wirkung des bewussten Gehens.
„Gib dir Zeit, das ist ja kein Spaziergang.“ Diesen Ratschlag hörte ich kürzlich zufällig im Kaffeehaus, als sich zwei Frauen am Nachbartisch über eine herausfordernde Situation im Leben unterhielten. Der Satz ließ mich schmunzeln, war ich doch gerade auf der Suche nach dem Aufhänger für genau diese Geschichte zum Thema Spazierengehen. Das Kaffeehaus ist nicht meine erste Wahl, um neue Ideen zu erhalten. Vielmehr führt mich mein Weg nach draußen – über die Felder, in den Wald, auf den Berg. Dieser Weg ist mir stets Inspirationsquelle, wenn ich auf der Suche nach kreativen Impulsen bin. Selten habe ich darüber nachgedacht, warum das so ist, warum die Bewegung in der Natur mich auf allen Ebenen erfrischt. Der zufällig mitgehörte Satz lieferte mir eine unerwartete Erklärung. Ein Spaziergang wird mit Leichtigkeit assoziiert: „Ist das Leben schwer, dann nimm es leicht und geh mit ihm spazieren.“
Kraft und Schönheit tanken
Durch die Natur zu flanieren, ist – für sich genommen – niemals schwer. Schwer können die kreisenden Gedanken im eigenen Kopf wiegen, schwer kann das Herz sein, schwer mögen die vorangegangenen oder die folgenden Schritte im Leben sein, aber der Spaziergang selbst ist: leicht! Das Gehen wird, auch wenn es aus Trauer oder Wehmut, Ärger oder Enttäuschung, Einsamkeit oder Ratlosigkeit unternommen wird, die Situation immer ein wenig erleichtern. Und ich weiß, wovon ich rede. Denn das Gehen ist, seit ich ein Kind war, Bestandteil meines Lebens: An den Wochenenden ging meine Mutter stets auf die Alm oder auf den Berg und ich mit ihr. Wir gingen nicht spazieren, wie das andere taten, und schon gar nicht an Sonntagnachmittagen. Denn da waren sie alle unterwegs: die heilen Familien mit Vater, Mutter und Kindern. Wir waren keine heile Familie mehr, wir waren nur noch eine halbe. Mein Vater war viel zu früh und völlig unvorhergesehen verstorben. Also gingen wir woandershin und damit denen, die so glücklich wirkten, aus dem Weg. Mir selbst war es ein Rätsel, warum es meine Mutter ständig hinaufzog in die Höhen. Ich spürte nur, dass es in ihr einen inneren Drang zum Gehen gab, während ich – das Kind – auf dieses körperlich fordernde Unterfangen lieber verzichtet hätte. Ich folgte mit meinen kurzen Beinen dem forschen Schritt meiner Mutter. Heute verstehe ich, was sie angetrieben hat. Als viel zu junge Witwe hatte sie zwei Töchter zu versorgen, ihr Dasein war geprägt von existenziellen Ängsten und Sorgen. Das Wandern war – auch für eine alleinerziehende Mutter – ein leistbares Freizeitvergnügen, doch es war weit mehr: Es war eine therapeutische Maßnahme, um zu regenerieren, um Kraft zu schöpfen und um Schönheit zu tanken. Die Natur wurde zu ihrer Energiequelle. Ich hingegen dachte, wir gingen auf den Berg, um dem Himmel näher zu sein. Denn im Himmel – da war mein Vater.
Die Rundum-Wirkung des Gehens spüren
Dass das Gehen stets eine innere Wandlung herbeiführt, wurde mir erst viel später bewusst. Von Peter Habeler stammt der Satz: „Ich gehe auf einen Gipfel und wenn ich wieder herunterkomme, bin ich ein anderer Mensch.“ Das Gute daran: Man muss keinen Achttausender bezwingen, wie der Tiroler Extrembergsteiger es vielfach getan hat. Ein kleines Almgangerl, ein überschaubarer Gipfel, eine Revier-Runde in der eigenen Hood, eine Wanderung auf den Hausberg oder ein Spaziergang im Park sind völlig ausreichend, um als „anderer Mensch“ zurückzukehren.
Was aber tut sich auf dem Weg, dass sich das Befinden währenddessen so verändert? Studien belegen meinen subjektiven Eindruck: Gehen wirkt nachweislich auf unterschiedlichen Ebenen. Es stärkt das Immunsystem und beruhigt die Nerven. Vom Gehen in der frischen Luft profitieren Muskeln und Gelenke, Organe und Knochen. Auch auf mentaler und psychischer Ebene sind die Wirkungen zahlreich: So steigert Spazierengehen nicht nur die Konzentrationsfähigkeit, sondern es hebt auch die Laune. Endorphine werden freigesetzt; auch konnte nachgewiesen werden, dass Gehen die Kreativität fördert. Die Wirkung ist umso höher, je mehr man sich auf das Gehen selbst fokussiert und sich ganz bewusst auf seine Umgebung einlässt – also auf Telefonieren, Musik oder Podcasts verzichtet. Das Lauschen von Umgebungsgeräuschen wie Vogelgezwitscher oder Blätterrascheln, das Wahrnehmen des Wetters und der Jahreszeiten und der neugierige Blick auf alles, was am Wegesrand wächst oder uns begegnet, tragen zur Entspannung und Regeneration bei.
Bewusst fokussieren
Die Besinnung auf das reine Gehen, das bewusste Voranschreiten und das Scharfstellen der Sinne – all das potenziert die positiven Effekte. Der amerikanische Naturphilosoph H. D. Thoreau plädierte bereits Mitte des 19. Jahrhunderts für die Achtsamkeit beim Gehen. So findet sich in seinem Essay „Vom Spazieren“ folgender Gedanke: „Ich bin beunruhigt, wenn ich merke, dass ich eine Meile in den Wald hineingegangen bin, ohne auch im Geist dort zu sein. (…) Was soll ich im Wald, wenn ich dabei an etwas denke, was nicht im Wald ist?“ Es ist ein hehres Ziel, sich nur auf die eigenen Sinneswahrnehmungen zu beschränken. So ganz gelingt mir das nur, wenn ich alleine unterwegs bin. Und auch von zahlreichen Schriftstellern und Künstlern, die selbst leidenschaftliche Spaziergänger waren, ist bekannt, dass sie lieber auf Begleitung verzichteten. Auch wenn ich gerne mit Freunden und Hunden durch die Natur streife, hat das Allein-Gehen eine besondere Qualität. Denn dann passiert etwas völlig anderes: Ich lüfte mein Gehirn, mein Gedächtnis, meine Erinnerungen aus. Es darf nach draußen dringen, was rausmöchte. Es darf reinflattern, was meinen Geist beruhigt. Schritt für Schritt werden Gedanken buchstäblich auf den Kopf gestellt. Ich führe geistige Gespräche mit mir selbst und mit anderen – meist leise, manchmal auch laut. Es kann vorkommen, dass ich bei einer Erinnerung lache oder mir die Tränen übers Gesicht laufen. Und es kann passieren, dass ich beim Gehen die Lösung für ein Problem erhalte, ein Gespräch ausformuliere oder eine neue Idee finde. Beim Gehen gerät vieles in Bewegung. Nicht nur in meinem Körper, sondern auch in meinem Kopf und in meinem Herzen. Wer hingegen nur geht, um die empfohlenen zehntausend Schritte täglich zurückzulegen, absolviert ein Leistungspensum: Es wird ein Soll erfüllt, um sich selbst zu optimieren und um dem Trend zu folgen. Das hat nicht viel mit dem hingebungsvollen Gehen zu tun, das von Denkern, Kreativen und Philosophen seit jeher praktiziert wird.
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Durch das Gehen neues Vertrauen finden
Nachdem ich als Teenager dem Wandern abgeschworen hatte, kehrte die Leidenschaft dafür mit zunehmendem Alter zurück. Wann immer ich mich verloren fühle in der Welt, kreative Impulse benötige oder einfach nur meine Gedanken sortieren möchte, ziehe ich meine Wanderschuhe an. Auf Reisen bin ich an der britischen und ligurischen Küste gewandert, ich bin in den Alpen auf Dreitausender gestiegen, ich habe in Island und auf Réunion Vulkane erklommen. Alle Länder, die ich bereise, erkunde ich am liebsten zu Fuß: Gehen bedeutet ankommen und begreifen. Gehen bedeutet aber auch, mich selbst zu spüren. Als ich eine Zeit lang unter Panikattacken litt, war das Gehen die einzige Möglichkeit, um mich zu erden: Das Zusammenspiel von Atmen und Bewegen ließ mich wieder Vertrauen ins Leben fassen. Das Gehen ist die ureigenste Form der Fortbewegung und des Reisens. In der Steinzeit legte der Mensch rund 30 bis 40 Kilometer am Tag zurück, heute sind es im Durchschnitt nur einige tausend Schritte. Diese Schritte bewusst zu gehen, hat dennoch Wirkung: Sie lassen uns spüren, wozu wir in der Lage sind. Nämlich auch in schwierigen Situationen einen Fuß vor den anderen zu setzen. Sich freizugehen – Schritt für Schritt und in wunderbarer Langsamkeit, sodass die Seele folgen kann.