Die eigene Kreativität entdecken und ausleben – so klappt‘s
Ohne Kreativität gäbe es keine Innovationen, es würde gesellschaftlicher Stillstand herrschen und auch unser Alltag wäre ziemlich trist. Ob das Lied im Radio, zu dem wir spontan in der Küche tanzen, oder der Roman, über den wir noch lange nachdenken – sich mit künstlerischen Werken zu umgeben und zu beschäftigen, ist sogar laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wichtig für unser seelisches Wohlbefinden. Das gilt in noch viel höherem Maße, wenn wir selbst kreativ tätig werden, etwa beim Handarbeiten, Tagebuchschreiben oder Upcycling von alten Möbeln.
Solche Handlungen helfen, sich ganz in etwas zu vertiefen, eigene Gefühle zu verstehen oder einen Ausgleich zum Alltag zu finden. Kreatives Schaffen ist eine der häufigsten und intensivsten Formen des sogenannten „Flow“-Zustandes, den der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi als einen wesentlichen Bestandteil von Glückserleben beschrieb. Doch zwischen Terminen und Verpflichtungen ist oft wenig Raum dafür.
Was ist mit Kreativität gemeint?
Auch wenn wir beim Stichwort „Kreativität“ meist zuerst an bildende Künste, Musik oder Dichtkunst denken, geht sie über diesen Bereich hinaus. Beispielsweise ist diese Qualität ebenso in der Wissenschaft wie etwa der Mathematik gefragt – allerdings in einer anderen Form.
Divergentes und konvergentes Denken
Bei Künstlerinnen und Künstlern ist das sogenannte divergente Denken vorherrschend: die offene, experimentierfreudige, spontane, zum Teil unsystematische Annäherung an ein Thema, die ein kreatives Produkt oder Werk hervorbringt. Hingegen steht bei Forscherinnen und Forschern das konvergente Denken im Vordergrund: die analytische, zielstrebige Herangehensweise an eine Problemstellung. Das bedeutet aber nicht, dass beide Denkarten streng voneinander getrennt sind. Kreative Prozesse sind immer divergent und konvergent zugleich, jedoch liegt der Fokus meist auf einem davon. Beide Denkweisen sind in uns angelegt. So brillierte etwa der Universalgelehrte Leonardo da Vinci in vielen Feldern, von der Malerei über die Anatomie bis hin zum Ingenieurwesen.
Etwas Neues und Nützliches erschaffen
Im Grunde ist Kreativität die Fähigkeit, Probleme zu erkennen und zu lösen bzw. etwas Originelles zu erschaffen. Dabei geht es vor allem um den Aspekt des Neuen und des Nützlichen. Etwas bereits Bekanntes für sich neu zu entdecken, kann zwar eine bereichernde Erfahrung sein, wird jedoch gemeinhin nicht als kreativ bezeichnet. Zudem sollte Kreativität Bezug auf die Realität nehmen: Am Ende muss etwas Nützliches, Anwendbares entstehen. Hat jemand unendlich viele Ideen, lässt sich aber keine einzige davon umsetzen, dann zählt auch das nicht als kreativ.Die Brauchbarkeit wird allerdings weit gefasst. Kunst etwa „nützt“ uns, indem sie unsere ästhetischen Bedürfnisse erfüllt oder uns zum Nachdenken bringt. Manchmal ist es aber auch eine Auslegungssache: Wer hat die Deutungshoheit darüber, was als nützlich oder schön gilt? Was der eine als künstlerisch wertvoll erachtet, empfindet die andere schlichtweg als nicht gelungen. So fand Clara Schumann, die heute als eine der bedeutendsten Komponistinnen der Romantik gilt, zu Lebzeiten mit ihren Werken wenig Anerkennung. Die Wahrnehmung von Kreativität ist also stark vom jeweiligen Umfeld abhängig.
Welche Arten von Kreativität gibt es?
Lange Zeit dominierte die Vorstellung, dass Inspiration eine göttliche Gabe sei, die nur wenigen auserwählten Menschen zukomme. Auch nach der Aufklärung galt das Genie als ein herausragendes Einzelphänomen. Doch mittlerweile hat sich das gewandelt. Ab den 1950er-Jahren nahm die psychologische Forschung an Fahrt auf und fand heraus: Die Fähigkeit zur Kreativität (dieses Wort gibt es übrigens erst seit gut 100 Jahren im deutschen Sprachgebrauch) ist uns allen angeboren.
„Little C“ und „Big C“
Klar, nicht jede Malerin ist die wiederauferstandene Frida Kahlo und nicht jeder Informatiker wird etwas Bahnbrechendes erfinden wie Wikipedia oder Google. Aber auch wir sind im Grunde ständig kreativ. Etwa wenn wir beim Backen und Kochen eine Zutat durch eine andere ersetzen, uns eine Gute-Nacht-Geschichte für die Kinder ausdenken oder für die Präsentation im Job einen witzigen Einstieg finden. Die Wissenschaft spricht dann von der sogenannten „Little C“ (C steht für „creativity“), die vor allem im Alltag zur Anwendung kommt. Auch kreative Hobbys fallen darunter. Hingegen beschreibt die „Big C“ eine revolutionäre Kreativität, die mit fast schon ikonischen Menschen in Verbindung gebracht wird und die auch eine gewisse gesellschaftliche Relevanz hat. Etwa Immanuel Kant, der mit seiner „Kritik der reinen Vernunft“ eine Wende in der Philosophie begründete. Oder die schwedische Aktivistin Greta Thunberg, aus deren „Schulstreik fürs Klima“ die weltweite Bewegung „Fridays for Future“ hervorging.
Woher kommt unsere Kreativität?
Sind es die Gene oder die Persönlichkeit, die einen Menschen kreativ werden lässt? Weder noch. Die Psychologie hat ermittelt, dass das persönliche und gesellschaftliche Umfeld sich drei Mal so stark auf die Ausprägung der Kreativität auswirkt wie Charaktereigenschaften. Starke Normen, soziale Sanktionen oder Verbote sind eher hinderlich, ungewöhnliche Ideen zu entwickeln. Herrscht etwa in einem Unternehmen eine restriktive Kultur, traut man sich wahrscheinlich weniger, einen ungewöhnlichen Vorschlag zu präsentieren.
Aspekte der Persönlichkeit
Trotzdem gibt es Eigenschaften, die für Kreativität förderlich sind: eine gewisse Offenheit, Intelligenz sowie die Fähigkeit, breit assoziieren und flexibel denken zu können. Auch ein positives Selbstbild ist hilfreich dabei, ausgetretene Gedankenpfade zu verlassen. Es macht resilienter gegenüber Kritik oder Unverständnis. Und obwohl die Eigenschaft der Gewissenhaftigkeit oft mit langweilig in Verbindung gebracht wird, kann sie entscheidend dabei sein, wenn es darum geht, Ideen in die Tat umzusetzen und bei Durststrecken dranzubleiben. Ohne unzählige Übungsstunden wird aus der talentierten Klavierspielerin keine Virtuosin.
Vorwissen und Erfahrungen
Nicht zuletzt wächst Kreativität aber aus Vorwissen und Erfahrungen. Viele der genialsten Ideen sind bei näherer Betrachtung nicht gänzlich neu, sondern Abwandlungen von Dingen, die es bereits gibt. Straßenbahnen ähneln etwa ihren Vorgängern, den Pferdebahnen – statt mit tierischer Kraft werden sie aber elektrisch angetrieben. Auf dem Gebiet, wo man kreativ sein will, sollte man sich also gut auskennen und sich bestimmte Fähigkeiten aneignen. Ein Bildhauer sollte etwa Techniken beherrschen, um sein Material bearbeiten zu können.
Was regt die Kreativität an?
Um unsere Kreativität zu fördern, gibt es verschiedene Methoden. Eine Metastudie aus dem Jahr 2025 empfiehlt für eine langfristige Wirkung Besuche von Museen und Kunsteinrichtungen, den Kontakt mit fremden Sprachen und Lebensweisen oder Engagement im kulturellen Bereich. Aber auch kurzfristig kann man etwas tun. Bei der Technik des sogenannten „Brainwriting“ werden alle Ideen schriftlich festgehalten, und zwar allein auf sich fokussiert, anders als beim mündlichen Brainstorming in der Gruppe. Auch Assoziationsübungen, wo zu einem bestehenden Wort passende oder ergänzende Begriffe gesucht werden, trainieren unsere Kreativität.
Bei Denkblockaden dienlich: einfach mal eine Pause machen, die Gedanken schweifen lassen, in Tagträume abgleiten oder meditieren. Dann wird nämlich im Gehirn das „Default Mode Network“ (DMN) aktiv: ein Netzwerk an Gehirnarealen, das unseren Bewusstseinsstrom aufrechterhält. Auch beim Einschlafen erreichen wir oft den sogenannten „Creative Sweet Spot“, wo uns geniale Einfälle kommen.Umgekehrt bringt auch Bewegung, am besten im Grünen, unsere Gedanken in Schwung. In einer Studie von 2019 entstanden die meisten Ideen der Testpersonen beim Spazierengehen oder Laufen an der frischen Luft. Eine weitere Studie aus dem Jahr 2012 fand heraus, dass Menschen nach vier Tagen in der Natur um 50 Prozent besser bei kreativer Problemlösung abschnitten als die Kontrollgruppe. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor dabei war das Fehlen von elektronischen Unterhaltungsmedien. Smartphone & Co. sind nämlich echte Kreativitätskiller. (Übrigens machen uns – auch wenn gegenteilige Mythen kursieren – Drogen nicht kreativer, auch das ergab die Metastudie von 2025.)
Wie kreativ ist Künstliche Intelligenz?
Mittlerweile sind auch Computer schöpferisch tätig: Algorithmen schreiben Texte, komponieren Songs und errechnen Gemälde. Oftmals ist gar nicht mehr unterscheidbar, ob eine KI oder ein Mensch hinter einem Kunstwerk steckt. In zwei Experimenten, die 2024 durchgeführt wurden, gefielen die Gedichte der KI den Probandinnen und Probanden sogar besser als Verse von Shakespeare und anderen Dichtergrößen. Das Forschungsteam vermutete den Grund darin, dass die KI-Werke einfacher, verständlicher und weniger rätselhaft sind. Leichter konsumierbar eben.
Bei einer im Jänner 2026 veröffentlichten Studie wurde die Kreativität mehrerer großer Sprachmodelle (Large Language Models) erstmals systematisch mit jener von Menschen verglichen. Bei standardisierten Tests wurde etwa die Wortfindungsfähigkeit überprüft. Eine andere Aufgabe war, ein Haiku (eine traditionelle japanische Gedichtform) zu schreiben. Das Ergebnis: KI-Modelle erreichen dasselbe Level oder erzielten bisweilen sogar bessere Ergebnisse als die durchschnittliche menschliche Konkurrenz. Doch an die kreativsten zehn Prozent kamen die Maschinen nicht heran. Womöglich, so das Forschungsteam, könnten die Ergebnisse aber auch ein Hinweis darauf sein, dass sich Kreativität nicht so einfach messen lässt, wie die Wissenschaft bisher angenommen hat.
Was man bei der Frage nach dem Einfallsreichtum von KI jedenfalls nicht vergessen darf: Bei Kreativität geht es nicht nur um das Ergebnis, sondern vor allem auch um den Prozess. KI wird nicht von sich aus kreativ, sie braucht immer einen Befehl. Und schon gar nicht weiß sie, wie glücklich es machen kann, kreativ zu sein.
„Es lohnt sich, die eigene Kreativität zu entdecken!“
Kommentar von Melanie Raabe
Wenn wir unsere Kreativität entdecken wollen – und das sollten wir unbedingt, denn es macht das Leben so viel schöner! –, können wir ganz klein beginnen und uns zunächst vornehmen, den eigenen Alltag kreativer anzugehen: Wenn die beste Freundin Geburtstag hat, können wir ihr einen gebundenen Blumenstrauß kaufen (schön, aber nicht sehr kreativ). Alternativ lassen wir ihr einen Strauß binden – ganz nach unseren eigenen Vorstellungen (ein bisschen kreativ). Oder wir pflücken ihr einen vollkommen einzigartigen Wildblumenstrauß auf der nächsten Wiese (richtig kreativ!)!
Wenn Freunde unerwartet vorbeikommen, können wir einfach Pizza bestellen. Wir könnten aber auch gemeinsam mit ihnen überlegen, was wir aus den Lebensmitteln im Kühlschrank zaubern können, die vielleicht auf den ersten Blick nicht so richtig zusammenpassen.
Wer sich ein inspiriertes Dasein wünscht, muss nicht gleich nobelpreisverdächtige Prosa schreiben oder etwas malen, das im Louvre landet. Vielleicht fangen wir erst einmal damit an, unser eigenes Leben zu verzaubern.“