Anderen und sich selbst verzeihen fällt nicht immer leicht, aber Vergebung kann man lernen.
Zwischenmenschliche Beziehungen

Verzeihen, vergeben, loslassen: 5 Schritte dorthin

Verzeihen lernen? Ist alles andere als leicht. Alten Groll einfach herunterzuschlucken, funktioniert auch nicht. Aber: Wer lernt, anderen zu verzeihen und zu vergeben, hilft auch sich selbst damit. Und so kann es gehen:

Dem Partner zu verzeihen, dass er das Smartphone nicht aus der Hand legen kann und uns phubbt, fällt manchem vielleicht noch leicht. Schwieriger wird es, wenn die Wunden tiefer sitzen. Verzeihen, Versöhnen und Vergeben fällt in einer zwischenmenschlichen Beziehung oft so schwer, dass es nicht gelingen will. Denn unsere engsten Beziehungen sind zugleich unsere größten Herausforderungen. Oft werden alte Wunden berührt, die nicht verheilt sind.

Verzeihen lernen: 5 Schritte, wie es gelingen kann

  • Schritt 1: Verzeihen heißt, dem anderen vergeben

Damit Verletzungen heilen können und ein Neuanfang möglich wird, braucht es die Kunst des Verzeihens. Nicht die leichteste Übung – so viel ist klar. Vor allem, wenn es um mehr geht als einen vergessenen Geburtstag, eine zerbrochene Vase oder eine dumme Bemerkung.

Wut und Kränkung sind wichtige Gefühle, die wir nicht ignorieren oder unterdrücken sollten. Denn sie beinhalten immer eine Botschaft für uns, etwa „Meine Grenzen wurden verletzt“ oder „Das tut mir nicht gut“.

Aber wenn wir an altem Groll oder gar Rachefantasien festhalten und diese gedanklich immer wieder durchkauen, schaden wir uns selbst am allermeisten. „Unerledigtes“ wird tief in unserer Seele gespeichert und flammt bei nächster Gelegenheit schmerzlich wieder auf.

  • Schritt 2: Verzeihen heißt loslassen

Dennoch ist Vergebung nichts, was wir erzwingen können. Verzeihen lernen kann man nicht von heute auf morgen. Loslassen ist ein Prozess, der Zeit braucht. Und er beginnt damit, zunächst alle Gefühle, die da sind, wahr- und anzunehmen. Gerade Frauen sind oft sehr schnell damit, Wut hinunterzuschlucken, verständnisvoll zu sein und zu verzeihen. Wenn wir unseren Schmerz aber nicht würdigen, wird er im Unterbewussten weiter schwelen und vielleicht an anderer Stelle zur Explosion führen.

Wenn Sie Vorwürfe innerlich immer wieder durchkauen, kann es hilfreich sein, sich alles von der Seele zu schreiben. Verfassen Sie einen Brief an die betroffene Person, in dem Sie alles, was Sie bewegt, unzensiert aufs Blatt bringen. Schicken Sie ihn nicht ab, sondern vernichten Sie ihn im Rahmen eines bewussten Loslass-­Rituals, indem Sie ihn verbrennen und die Asche einem Bach oder Fluss übergeben. Treffen Sie bewusst die Entscheidung, diese Last jetzt loszulassen.

Verzeihung und Versöhnung beginnt häufig auf der geistigen Ebene – indem wir einen Schritt zurücktreten und erkennen, dass sie besser für uns ist, als weiterhin an destruktiven Gefühlen kleben zu bleiben. Nach und nach, mit viel Geduld und Verständnis für uns selbst, darf diese Erkenntnis dann hineinsinken in unser Herz und somit Heilung ermöglichen.

  • Schritt 3: Verzeihen heißt wieder zu handeln

Vergebung heißt nicht, zu entschuldigen, was geschehen ist. Es bedeutet nur, dass wir eine Last loslassen, um freier und unbeschwerter in die Zukunft zu gehen. Was geschehen ist, können wir nicht mehr ändern. Das Beste, das wir für uns selbst und unsere Seelenruhe tun können, ist, es nicht länger innerlich festzuhalten. Auch weil wir so die Opferrolle verlassen und wieder handlungsfähig werden.

Wir kehren zurück in die Gegenwart, sorgen hier und jetzt gut für uns. Wir können aus dem, was geschehen ist, lernen und künftig vielleicht klarere Grenzen ziehen oder Bedürfnisse aussprechen. Letztlich zeigen wir durch Verzeihen und Vergeben keine Schwäche, sondern große Stärke und Mut.

  • Schritt 4: Verzeihen heißt Mitgefühl & Respekt zeigen

Wenn wir etwas Abstand gewonnen haben, können wir auch versuchen, die Gefühle und Beweggründe des anderen zu verstehen. Beziehungen laufen niemals ohne Schmerzen ab. Wir alle kränken, enttäuschen und verletzen andere. Keiner von uns ist perfekt, weshalb wir alle Nachsicht mit unserem Gegenüber haben sollten. Manchmal finden wir sogar den Mut, unsere Verletzlichkeit einzugestehen und nachzufragen: „Mir tut weh, was du gesagt/getan hast. Ich verstehe nicht, warum – bitte erkläre es mir.“

Selbst wenn wir es nicht immer schaffen, alle Gründe nachzuvollziehen, können wir dem anderen etwas Mitgefühl und Respekt für seine Gefühle, Sichtweisen und Bedürfnisse entgegenbringen. Dann gibt es eine Chance, zu verzeihen und auf einen neuen Anfang miteinander. Manchmal sind Beziehungen nicht zu retten – und auch das ist in Ordnung. Vergebung bedeutet nicht, dass man seine Grenzen aufgeben oder an der falschen Stelle „Ja“ statt „Nein“ sagen soll. Dies gilt natürlich ganz besonders, wenn es um physische oder psychische Gewalt geht.

  • Schritt 5: Verzeihen heißt, sich selbst zu verzeihen

Eine Person, bei der wir uns mit der Nachsicht oft besonders schwertun, sind wir selbst. Häufig sind wir sehr streng im Umgang mit unseren Fehlern und können nur schwer akzeptieren, dass auch wir andere verletzen und unvollkommen sind. Wut und Groll gegen uns selbst zu richten macht uns aber nicht nur unglücklich, sondern auch krank. Denn unser Körper kann nicht unterscheiden, ob es sich um einen äußeren oder inneren Angreifer handelt. In beiden Fällen reagiert er mit Stress, Anspannung und Angst.

Innere Kämpfe sorgen dann auch für Konflikte mit unserem Umfeld. Wir sollten also zunächst den Krieg gegen uns selbst beenden, uns selbst verzeihen, damit mehr Frieden entstehen kann. Seien Sie dabei geduldig mit sich selbst: Verzeihen ist eine Fähigkeit, die geübt werden will. Beginnen Sie nicht gleich bei den schwierigsten Menschen und den größten Verletzungen. Üben Sie mit der unfreundlichen Kellnerin, dem schlechtgelaunten Kollegen und dem Parkplatz-Dieb. Wenn Sie dabei die Erfahrung machen, dass Vergebung sich besser anfühlt als Groll, dann fällt Ihnen das in Zukunft leichte

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