Emotionen regulieren – was Kinder laut Familienberaterin brauchen
Die Familienberaterin und Buchautorin Kiran Deuretzbacher verrät, wie Eltern ihren Nachwuchs beim richtigen Umgang mit Gefühlen und bei der Regulierung von Emotionen unterstützen können.
Inhaltsverzeichnis
- Frau Deuretzbacher, wie können Kinder ihre eigenen Emotionen verstehen und den Umgang damit lernen?
- Was sollen wir zum Beispiel tun, wenn die Kleinen wütend werden?
- Wutanfälle sind typisch für die Autonomiephase – wie kann diese kindgerecht begleitet werden?
- Inwiefern spielt ein ausgeglichenes Nervensystem beim Gefühlsmanagement eine Rolle?
- Wie kann man erreichen, dass das Nervensystem in Balance bleibt?
- Und was ist mit Freizeitaktivitäten?
Kiran Deuretzbacher ist Ergotherapeutin,
Eltern- und Familienberaterin, Embodiment-Coach sowie
Autorin. Sie bietet Online-Coaching an. Info: https://bindung-beziehung.de/.
Das Kind brüllt im Bus und will sich einfach nicht beruhigen. Für viele Eltern ist das eine unangenehme Situation, die am besten schnell vorbeigehen soll. Doch das ist der falsche Ansatz. „Es geht nicht darum, Gefühle ,wegzumachen', und es ist auch nicht der Job der Eltern, dafür zu sorgen, dass ihre Kinder immer glücklich sind. Es geht vielmehr darum, dass sie sichere Erfahrungen mit der ganzen Bandbreite an Gefühlen machen dürfen,“ erklärt die Familienberaterin und Buchautorin Kiran Deuretzbacher.
Das Nervensystem der Kleinen ist noch in der Entwicklung und ist eng mit dem der Eltern verbunden. Sie können ihre Gefühle noch nicht benennen. Um den richtigen Umgang mit Emotionen für Eltern greifbar zu machen, stellt die Familienberaterin in ihrem Buch „Starke Gefühle, starker Halt. Selbstregulation für dein Kind und dich“ (2025) das „Planetensystem der Gefühle“ vor. Jeder Planet darin hat eine andere Farbe und repräsentiert einen anderen Spannungszustand des Nervensystems. Der blaue Planet steht für Ruhe und Entspannung, der grüne für Wohlgefühl, Kreativität und Empathie. Der rote Planet symbolisiert Energie, Kampf und Verteidigung, und der gelbe steht für den Übergang zwischen Aktivierung und Entspannung. Das Ziel ist, dass Eltern und Kinder ihre Raketen richtig steuern und auf dem zur Situation passenden Planeten landen. Dazu brauchen die Kleinen jedoch noch die Unterstützung ihrer Eltern. In der Psychologie spricht man hier von Co-Regulation.
Co-Regulation muss nichts Bewusstes sein. Man kann Gefühle identifizieren, es geht aber darum, dass Nervensysteme sich aneinander anpassen. Das kann wortlos (zum Beispiel durch eine Umarmung oder Berührungen) geschehen, aber auch durch gemeinsame Tätigkeiten. Meistens wird Co-Regulation dazu genützt, dass man ruhiger wird. Co-Regulation kann aber auch sein, dass eine Person sehr wütend ist und ihr Gegenüber allein durch die wahrgenommene Anspannung unbewusst in denselben emotionalen Zustand hineingezogen wird.
Frau Deuretzbacher, wie können Kinder ihre eigenen Emotionen verstehen und den Umgang damit lernen?
Dazu braucht es gute Erfahrungen von Co-Regulation durch Mama und Papa. Es ist wie mit dem Schulweg: Wenn wir möchten, dass unsere Kinder allein zur Schule gehen, müssen wir den Weg mit ihnen ein paar Mal üben. Zusätzlich ist für das Gefühlsmanagement geistige Reife erforderlich. Dreijährige können ihre Emotionen noch nicht selbst verarbeiten, sie sind auf ihre Eltern angewiesen. In der Autonomiephase (beginnt um das zweite Lebensjahr) entstehen nämlich erst die Grundfarben der Gefühle. Später, in der Grundschulzeit, kommen dann zusätzliche Zwischenfarben dazu – die emotionale Palette wird erweitert. Um den richtigen Umgang mit allen Emotionen zu lernen, braucht es immer wieder kleine Herausforderungen.
Erfahren Sie hier, wie Sie Ihr Kind nach der Schule zum Reden bekommen.
Was sollen wir zum Beispiel tun, wenn die Kleinen wütend werden?
Eltern sollten in solchen Momenten zuerst auf sich selbst schauen und durchatmen. Vielleicht auch etwas trinken oder essen. Wenn sie selbst die „Sauerstoffmaske“ aufhaben, können sie viel besser mit einem kindlichen Wutanfall umgehen. Auf jeden Fall sollten sie akzeptieren, dass ihr Kind gerade wütend ist. Es hilft auch, wenn es erstmal tief atmet – das gelingt spielerisch mit Seifenblasen oder eine Blume pusten. Man holt den Nachwuchs dort ab, wo er sich gerade gefühlsmäßig befindet: „Ich sehe, du bist wütend. Drück mal meinen Arm ganz fest. Genauso fest, wie diese Situation gerade blöd ist.“ So findet man für die Energie einen Puffer. Manchmal geht es bei den Kleinen auch um Grundbedürfnisse: den Hunger oder Durst stillen, auf die Toilette gehen, die Jacke ausziehen, wenn ihm zu heiß ist.
Wutanfälle sind typisch für die Autonomiephase – wie kann diese kindgerecht begleitet werden?
Man soll den Impuls des Kindes mitnehmen und nicht dagegen arbeiten. Früher hat man zur Autonomiephase „Trotzphase“ gesagt. Dabei geht es aber nicht um Trotz, sondern um Selbstwirksamkeit. Kinder wollen selbst gestalten. Für die Eltern heißt es dann, einfach bewusst hinschauen, wo die Kleinen selbstwirksam sein können. Gibt es Optionen zum Aussuchen und wo dürfen sie auch „Fehler“ machen? Sie wollen und müssen schließlich lernen. Was nicht funktioniert: eine Autonomiephase ohne Wutanfall. Manchmal will das Kind etwas, das nicht möglich ist. Dann darf es auch einfach einmal wütend sein. Wir können uns dann dazu setzen und auf seine Enttäuschung eingehen. Es geht darum, dass wir mit dem Kind in Verbindung sind und es wieder von der Palme holen. Wenn etwas dem Nachwuchs sehr wichtig war, kann man später in Ruhe kurz mit ihm besprechen, wieso sich sein Wunsch nicht erfüllt hat.
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Inwiefern spielt ein ausgeglichenes Nervensystem beim Gefühlsmanagement eine Rolle?
Beim Nervensystem bedeutet ausgeglichen nicht gleich ruhig. Es geht darum, dass man flexibel auf Anforderungen eingehen kann. Wenn der sprichwörtliche Säbelzahntiger dasteht, sollten wir auf den „roten Planeten“ springen und in den Kampfmodus schalten. Sobald wir uns wieder in Sicherheit befinden, können wir beruhigt auf dem „grünen Planeten“ landen. Ist unser Nervensystem aus der Balance, führt das schnell zur Überreaktion. Das passiert im Stress oder wenn wir alte Geschichten gespeichert haben. So entsteht bei Eltern zum Beispiel schnell viel Druck rund um die Schule und die unerledigte Hausaufgabe wird zur Katastrophe. Kinder sollen nicht nur ruhig und glücklich sein. Dann haben sie keinen Fahrplan, wenn sie gestresst sind. Kleine Stresssituationen sind eine gute Übung. Danach kann man schauen, welche Maßnahmen geholfen haben.
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Wie kann man erreichen, dass das Nervensystem in Balance bleibt?
Man kann den Tagesablauf anschauen und sich fragen: Was reibt uns als Familie auf und was gibt uns Kraft? Der Start in den Tag ist besonders wichtig. Als Mama stehe ich deutlich früher als meine Kinder auf, damit ich bereits stabil auf dem „grünen Planeten“ bin und nicht noch verschlafen auf dem „blauen". So kann ich gerade am Morgen meine kleinen Miniraketen gut steuern. Entdeckt man unnötige Stressfaktoren und Reize, sollte man diese herausnehmen. Auch auf Übergänge schaue ich in der Beratung besonders. Manche Kinder tun sich am Abend schwer damit, ins Bett zugehen, weil sie nicht auf dem „blauen Planeten“ der Entspannung landen können. Hier muss man die Abendroutine nach den Impulsen der Kinder ausrichten. Sind sie vor dem Schlafengehen noch sehr energiegeladen, kann man ein Tanzritual einfuhren. So wird überschüssige Energie entladen, ohne dass es zur Eskalation kommt.
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Und was ist mit Freizeitaktivitäten?
Was unsere Kinder stresst, ist immer sehr individuell. Manche brauchen es, dass sie sich noch mal beim Fußball auspowern können. Tun sie sich mit Übergängen schwer, ist das zusätzliche Fußball-Training aber zu viel. Während Musikunterricht für manche zum Stressabbau beiträgt, strengt es andere noch mehr an. Wenn das Kind mit dem Grundschulalltag bereits sehr beschäftigt ist, dürfen Eltern auch darauf verzichten. „Nein sagen“ sollen sie natürlich auch, wenn es ihnen selbst zu viel wird. Sogar gegen den Widerstand des Sprösslings. Es bringt nichts, den Nachwuchs fördern zu wollen, wenn man gleichzeitig einen Stressrucksack anfüllt. Mit der Mediennutzung verhält es sich ähnlich. Als einzige Strategie zum Ausgleich sind Medien nicht hilfreich, es braucht auch Bewegung. Zwischendurch dürfen sie aber genutzt werden. Das heißt beispielsweise, nach der Schule ist eine halbe Stunde Fernsehen erlaubt, bevor Essen und Hausaufgaben anstehen. Während dieser kleinen Auszeit können Mama oder Papa in Frieden kochen.
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Kiran Deuretzbacher
Verlag: Kösel